Könnte ein Antikollisionssystem zukünftige Zugunglücke verhindern?

Die Ermittlungen zur Unfallursache des schrecklichen Zugunglücks bei Bad Aibling, bei dem am Dienstag zwei Meridian-Züge frontal zusammenstießen, laufen noch. Aber hätte ein Antikollisionssystem, das bereits vor einigen Jahren vom DLR entwickelt wurde, den Frontalzusammenstoß möglicherweise verhindern können?


Die Eisenbahn gehört nicht ohne Grund zu den sichersten Verkehrsmitteln in Deutschland. Viele Regeln und Sicherungssysteme sorgen tagtäglich tausendfach dafür, dass Züge sicher von A nach B gelangen. Ohne Spekulationen Nährboden zu geben, stellt sich jedoch die Frage, ob Zugkollisionen auch technisch durch weitere Systeme verhindert werden könnten, wenn alle anderen bisher verwendeten Sicherungsmaßnahmen, wie zum Beispiel der Einsatz der Punktförmigen Zugbeeinflussung (PZB), ohne Wirkung blieben oder Regeln möglicherweise umgangen oder missachtet werden.

Was die genaue Ursache für die Kollision der zwei Meridian-Züge am Dienstag bei Bad Aibling war (► Bahnblogstelle berichtete), ist bislang nicht geklärt. Medienberichte, wonach es sich um ein menschliches Versagen handeln könnte, sind bislang nicht von offizieller Seite bestätigt.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR) entwickelte vor einigen Jahren ein Antikollisionssystem für Züge. Das heute von der Intelligence on Wheel angebotene Train Collision Avoidance System (zu deutsch: Zugkollisionsvermeidungssystem), früher als Railway Collision Avoidance System (RCAS) bezeichnet, basiert auf dieser Entwicklung und wird international im Markt angeboten. Eine produktive Verwendung im deutschen Schienenverkehr steht bislang jedoch aus. Durch die parallele Entwicklung des europäischen Zugsicherungssystems European Train Control System (ETCS), deren Einführung derzeit noch ganz am Anfang steht, sah man bislang seitens der Bahnindustrie keinen großen Bedarf ein zusätzliches Kollisionsvermeidungssystem zu unterstützen und einzuführen.

Das vom DLR entwickelte Kollisionsvermeidungssystem soll Zugkollisionen verhindern und die Lokführer beider Züge frühzeitig warnen bzw. die Züge rechtzeitig zu einer Bremsung zwingen.

Demonstration des DLR-Projekts „RCAS“

Das Train Collision Avoidance System ist ein Gesamtsystem, das als zusätzliche Ergänzung und nicht als Ersatzsystem für bestehende Zugsicherungssysteme gedacht ist.

Infrastrukturlose Zug-zu-Zug- Kommunikation

Über eine infrastrukturlose Kommunikation von Zug zu Zug erfasst das System alle relevanten Parameter wie …

  • Position,
  • Geschwindigkeit,
  • geplante Streckenführung oder
  • Lademaßüberschreitungen.

Das System bewertet die Situation und unterbreitet dem Triebfahrzeugführer bei kritischen Zuständen Lösungsvorschläge oder greift steuernd in das Bremsverhalten ein, so dass die Züge bei Kollisionsgefahr frühzeitig zum Stillstand kommen.

Im Führerstand bei einer Testfahrt mit RCAS (Foto: DLR / Intelligence on Wheel)

Technische Ausstattung am Fahrzeug

Damit dieses System funktioniert, müssen alle Schienenfahrzeuge mit einer entsprechenden Bordeinheit ausgestattet werden. Diese Einheit besteht aus einem Sende- und Empfangsmodul, welches zum einen ständig eigene Fahrparameter aussendet und gleichzeitig die Informationen anderer Einheiten in der Nähe empfängt. Somit ist jede Bordeinheit in der Lage ein individuelles Schienenlagebild zu erstellen und potenzielle Konfliktsituationen zu identifizieren.


Artikelfoto: © DLR

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