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Der bloggende Bahner im Interview: „Viele Menschen haben leider ein falsches Bild von der Bahn“

[ EXKLUSIV ]

Tim Grams ist „Der bloggende Bahner“ (Foto: © Tim Grams)

Tim Grams ist Fahrdienstleiter bei der DB Netz AG und im Internet als „Der bloggende Bahner“ bekannt. (Foto: © Tim Grams)

Bahnblogstelle traf Tim Grams, der im Internet als „Der bloggende Bahner“ bekannt ist, am vergangenen Samstag erstmals beim Meet & Greet in Hannover. Nun hatten wir Gelegenheit dem 23-jährigen Eisenbahner und Bloggerkollegen ein paar Fragen zu stellen.


Bahnblogstelle: Hallo Tim, schön dass du dir die Zeit genommen hast, um aus deinem Beruf als Fahrdienstleiter und deiner Tätigkeit als „bloggender Bahner“ zu berichten.

Tim Grams: Erstmal Hallo und vielen Dank, dass ich dir für deinen Blog dieses Interview geben darf.

Bahnblogstelle: Seit mittlerweile zwei Jahren kämpfst du für mehr Verständnis im Bahnbetrieb: Ist dies eine eher leichte oder doch schwere Aufgabe?

Tim Grams: Mein Ziel ist mit viel Aufklärung und Transparenz für mehr Verständnis im Bahn-Betrieb zu kämpfen. Das mache ich sowohl für Bahn-Kunden, Bahn-Interessierte, aber auch Bahn-Mitarbeiter. Diese Aufgabe ist wohl kaum schwer oder leicht einzustufen, sondern eher als langwierig. Das meine ich aber im positiven Sinne. Das geht nicht von heute auf morgen. Das war mir von vorne rein klar, darum werde ich weiter machen!

Bahnblogstelle: Wer gehört zu deiner Zielgruppe, wen magst du erreichen und mit deinen Themen eventuell auch zum Umdenken bewegen?

Tim Grams: Die Zielgruppe sind alle die mit der Bahn unterwegs sind bzw. sich Fragen was bei der Bahn im Hintergrund so abläuft. In meiner Community sind alle Altersgruppen vertreten. Natürlich überwiegt das junge Alter dadurch, dass ich alles über das Internet publiziere, aber von Monat zu Monat zieht die ältere Generation nach.

Bahnblogstelle: Wo glaubst du liegt das Problem, dass viele Fahrgäste wenig Verständnis haben, wenn es mal zu einer Betriebsstörung kommt?

Tim Grams: Ich glaube, dass hier mehrere Faktoren aufeinander treffen. Vor allem in Deutschland ist auffällig, wie ungeduldig die Menschen hier sind. Dazu kommt noch, dass die Deutsche Bahn in der Bevölkerung als „Buh-Mann“ abgestempelt ist. Zu guter Letzt tragen die Medien bzw. die Presse einen großen Teil dazu bei, dass wir ein falsches Bild vom Eisenbahnbetrieb in Deutschland bekommen. Journalisten oder Redakteure, die keinerlei Grund- geschweige denn Fachwissen von der Eisenbahn haben, äußern sich mit irgendwelchen unbegründeten Meinungen und beeinflussen mit der großen Reichweite, die die Medienhäuser in Deutschland nunmal haben, die Menschheit.

Leider ist das Fakt und wird sich von heute auf morgen nicht ändern. Ich werde weiter mein bestes geben und in regelmäßigen Abständen mit Grund- und Fachwissen Fakten auf den Tisch legen.

Bahnblogstelle: Gibt es Probleme und Störfälle, vielleicht auch aus deiner Erfahrung als Fahrdienstleiter, die die DB besser handhaben könnte als bisher?

Tim Grams: Ich kann in diesem Fall aus beiden Perspektiven berichten. Ich bin 50.000 Bahn-Kilometer im Jahr unterwegs und habe wirklich nur eines anzumerken. Sowohl als Kunde, aber auch in meinem Beruf fällt mir auf, dass die Kommunikation ein kleines Problem darstellt. Ich bin aber davon überzeugt und kenne einige Punkte, die in Zukunft verbessert werden sollen und auf jeden Fall die Kommunikation im Konzern und zum Kunden verbessert. Störfälle kommen Tag für Tag vor und unterscheiden sich oftmals im Detail. Für diese Störungen gibt es einen genauen Ablaufplan, für den Betrieb drumherum nicht. Der unterscheidet sich von Tag zu Tag und von Uhrzeit zu Uhrzeit, sodass man schon sagen kann, dass was heute richtig war, kann morgen falsch sein. Fachwissen und Erfahrung spielen hierbei eine sehr große Rolle!

Bahnblogstelle: Was war für dich die außergewöhnlichste Situation die du in deiner Zeit als Fahrdienstleiter erlebt hast – positiv wie vielleicht auch negativ?

Tim Grams: Fangen wir mit dem negativen an: Am 24.12.2014, an Heiligabend, ereignete sich mein erster Personenunfall für den ich zuständig war. Mehr muss ich dazu nicht sagen. Positiv und außergewöhnlich sind meine Kollegen, die ich an dieser Stelle besonders hervorheben möchte. Ich wurde mehr als nur perfekt im Team aufgenommen und von Anfang an unterstützt. Ohne diese Jungs und Mädels wäre mein Blog nicht entstanden und ich wäre nicht da wo ich heute bin!

Bahnblogstelle: Wie gehst du damit um, dass du in deiner Dienstzeit die Verantwortung für unzählige Züge und Fahrgäste trägst?

Tim Grams: Ich führe mir diese Verantwortung mehrmals in der Woche vor Augen. So kann ich sehr gut damit umgehen, weil ich dann immer weiß, dass in dieser roten Linie, die sich gerade auf meinem Monitor bewegt gerade 400-800 Menschen sind, die heile zu ihren Familien nach Hause wollen. Jeder geht mit dieser Verantwortung aber anders um. Wichtig ist, das Tagesgeschäft der Eisenbahn nicht zur Routine werden zu lassen!

Bahnblogstelle: Statistisch ist die Eisenbahn eines der sichersten Verkehrsmittel in Deutschland. Dennoch passieren Unfälle auch im Bahnbetrieb: Wie denkst du darüber? Ist das ein Thema bei dir und deinen Kollegen?

Tim Grams: So hart es sich bei diesem Thema anhört: Wir sind alle nur Menschen und niemand ist fehlerfrei. Nur deshalb passieren Unfälle. Wer aber meint, dass das bei einer Maschine anders ist, hat sich getäuscht. Ich muss einfach das Thema autonome Züge ansprechen, da das in den letzten Wochen sehr heiß diskutiert worden ist. Denn ich bin davon überzeugt, dass auch bei autonomen Zügen, sollten sie denn bis 2023 auf irgendeiner Strecke in Deutschland verkehren, Unfälle passieren werden.

Bahnbetriebsunfälle sind bei mir und meinen Kollegen natürlich Thema, weil wir das Hintergrundwissen mitbringen und uns ungefähr vorstellen können, was passiert ist, welche Handlungen vollzogen worden sind usw. Doch ich muss mich wiederholen: Wir sind nur Menschen, jeder macht Fehler, ich wünsche nur niemandem einen Fehler, wo Menschenleben am Ende von abhängen.

Bahnblogstelle: Immer wieder liest man von Meldungen, wie: Jugendliche im Gleisbereich, Kinder die auf abgestellte Wagen steigen und in den Gefahrenbereich der Oberleitung kommen und Ähnliches. Wie schätzt du die Situation ein, dass viele Menschen die Gefahren des Bahnbetriebs oft so leichtsinnig unterschätzen?

Tim Grams: Es läuft mir immer wieder kalt den Rücken herunter, wenn ich diese Meldungen lese. Ich weiß auch nicht woher dieser Trend kommt, dass man unbedingt im Gleisbereich Fotos machen muss oder eben auf Wagen klettern muss. Die Deutsche Bahn, die Bundespolizei und auch ich greifen dieses Thema immer wieder auf, um den Menschen vor Augen zu führen wie gefährlich der Bahn-Betrieb seien kann. Dort werden Geschwindigkeiten gefahren und Massen bewegt, die sich ein Mensch kaum vorstellen kann.

Es muss einfach mehr Respekt gegenüber der Bahn her, dann brauchen wir auch nicht über Abzäunung der Bahnstrecken in Deutschland diskutieren, wenn die Menschen sich über die Gefahren bewusst sind.

Bahnblogstelle: Ein großes Thema sind aktuell die vielen verbalen und körperlichen Übergriffe auf Bahnmitarbeiter. Hast du derartige Ereignisse auch schon mitbekommen oder aus dem Kollegenkreis davon erfahren?

Tim Grams: Zum Glück habe ich davon noch nichts aus dem Kollegenkreis gehört, nur eben darüber gelesen. Auch hier spreche ich von Respekt! Mittlerweile sind die Vorfälle von Erwachsenen genauso häufig wie die von Jugendlichen. Es gibt in Deutschland und eben auch bei der Deutschen Bahn nunmal Regeln und Gesetze an die sich jeder halten muss. Gewalt bei Eigenmissbrauch anzuwenden ist nicht nur der falsche Weg, sondern sollte auch härter bestraft werden.

Bahnblogstelle: Wie gehst du persönlich mit medialer Kritik an der Bahn um?

Tim Grams: Wie bereits angesprochen halte ich von der Berichterstattung in den Medien nicht besonders viel. Es gibt gewisse Quellen die vollkommen sachlich gegenüber der Bahn und ihren Themen berichten. Andere nutzen es einfach nur aus und machen aus einer Mücke gerne zwei Elefanten.

Ich nehme es mit Humor und schreibe ab und zu auch gerne ein Kommentar zu diesen Berichterstattungen. Mehr nicht.

Bahnblogstelle: Was ist für dich die größte technische Innovation des Bahnbetriebs?

Tim Grams: So lange bin ich noch nicht im Eisenbahnverkehr bzw. Betrieb tätig. Allerdings finde ich es seither beeindruckend, wie solche Geschwindigkeiten und Massen auf der Schiene von A nach B befördert und transportiert werden. Ich glaube, die Infrastruktur, die man in Deutschland geschaffen hat, ist großartig. Nur man sollte eben auch nicht vergessen diese zu pflegen, damit sie uns noch lange begleitet.

Bahnblogstelle: Du interessierst dich selbst sehr stark für die Digitalisierung innerhalb der Bahn. Was hat dich hier am meisten beeindruckt?

Tim Grams: Im großen und ganzen finde ich es erstmal großartig, dass sich die Deutsche Bahn diesem Thema so hingibt. Natürlich liegt das Kerngeschäft auf der Schiene und sollte darunter nicht leiden, sondern eher befördert werden, aber die Digitalisierung ist wichtig! Beeindruckt hat mich, dass mehrere Stationen in Deutschland gegründet bzw. errichtet wurden, wo Tag für Tag an neuen Innovationen gearbeitet wird. Zudem wird das auch nicht mehr alleine gemacht, sondern man holt sich Hilfe von außen. Von Startups bzw. anderen Unternehmen, die viele Dinge ganz anders sehen und damit frischen Wind mit in den großen Konzern Bahn bringen.

Bahnblogstelle: Es gibt ein Projekt der DB, die Züge am Startbahnhof mit Zeigersprung abfahren zu lassen und die Zugabfertigung rund 30 Sekunden vor der fahrplanmäßigen Abfahrtszeit zu beginnen. Hast du davon schon etwas mitbekommen und wenn ja, wie macht sich das in deiner Arbeit bemerkbar?

Tim Grams: Das Projekt „Planstart“ ist eigentlich ein altes Projekt aus den Jahren rund um 2000. Damals hieß das ganze Projekt „Zeigersprung“. Hannover Hauptbahnhof ist sehr stark involviert in dieses Projekt. Natürlich macht sich das bei uns auf der Arbeit bemerkbar und ist aus meiner Sicht auch richtig die Augen so auf die Züge zu richten. Doch ich bin der Meinung, dass man das Projekt wenn dann auf alle Züge anwenden sollte, sowohl im Regionalverkehr, als auch im Fernverkehr. Zudem sollte man niemals den Kunden aus den Augen verlieren.

Ich bin gespannt, ob am Ende des Jahres die Gesamtpünktlichkeit im Fernverkehr von 80% erreicht wird. Ich für meinen Teil werde weiterhin zusammen mit meinen Kollegen mein bestmögliches tun!

Bahnblogstelle: Tim, besten Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg im Job und mit deinem Blog!

Weitere Infos zum bloggenden Bahner finden Sie auf www.derbloggendebahner.de. Reinklicken lohnt sich!


(red)

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Ein Kommentar zu Der bloggende Bahner im Interview: „Viele Menschen haben leider ein falsches Bild von der Bahn“

  1. Planstart – ein Beispiel aus der Realität. Es gab von der Führungsebene Tage, wo sie 100% schaffen wollten und das selbst am Bahnsteig überwacht haben. Der Zug ist auch einigermassen pünktlich weg, ab dem übernächsten Bahnhof musste er aus signaltechnischen Gründen eine Umleitung fahren.

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