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Spannende und aktuelle Lokführerthemen direkt aufs Ohr: Die Macher vom Eisenbahnpodcast „Zugfunk“ im Interview

[ EXKLUSIV ]

Symbolbild: Ein Triebfahrzeugführer im Führerraum einer Elektrolok der Baureihe 111. (Foto/Bildmontage: © Bahnblogstelle / Zugfunk / DB)

Symbolbild: Ein Triebfahrzeugführer im Führerraum einer Elektrolok der Baureihe 111. (Foto/Bildmontage: © Bahnblogstelle / Zugfunk / DB AG / Oliver Lauer)

Eisenbahner, die ihren Beruf mit Begeisterung ausführen gibt es sicherlich viele. Eine Seltenheit – wenn nicht sogar einmalig – ist dagegen eine kleine Gruppe von Lokführern und angehenden Eisenbahnern, die sich über den Arbeitsalltag, die Technik und aktuelle Themen rund um die Eisenbahn in einer Internetsendung austauschen.


Marcus, Philipp und Lukas – diese drei Eisenbahner verbergen sich hinter dem Projekt „Zugfunk“, das sich zuvor „EiBs on Air“ (Eisenbahner im Betriebsdienst auf Sendung) nannte, einem Audio-Podcast rund um das Verkehrssystem Eisenbahn. Bahnblogstelle hatte kürzlich die Gelegenheit, sich mit zwei der Podcast-Macher ausführlich zu unterhalten.

Bahnblogstelle: Marcus, Euer bisheriges Format „EiBs on Air“ ist mittlerweile 2 ½ Jahre alt. Was war der Auslöser für den Start des Eisenbahnpodcasts?

Marcus: Der Podcast entstand im Grunde aus der Internetseite sbm-azubis.de. Das war ein Projekt, das wir in der Ausbildung betrieben haben, das sich an aktuelle und zukünftige Azubis richten sollte. Als ich dann meine Ausbildung beendet habe, wurde die Website an die nächsten Azubis übergeben. Da mir das Projekt allerdings sehr am Herzen lag und ich selbst großer Podcast-Fan bin, kam die Idee für „EiBs on Air“.

Bahnblogstelle: Lukas, Du bist erst seit relativ kurzer Zeit dabei. Was führte Dich in das Podcast-Team?

Lukas: Im September 2015 habe ich meine Ausbildung angefangen. Ich war vorher schon auf den Podcast aufmerksam geworden und fand das ziemlich interessant, weil es mir Einblicke in die zukünftigen Arbeitsabläufe gegeben hat. Später dachte ich mir, vielleicht hätten die anderen Teilnehmer Interesse daran, wenn ich als Gast mal dabei bin. Und nach dem zweiten Gastauftritt wurde ich gefragt, ob ich nicht fest in das Team einsteigen möchte.

zugfunk-logo

Das neue Logo: Aus „EiBs on Air“ (Eisenbahner im Betriebsdienst auf Sendung) wurde am 5. Januar 2017 der Podcast „Zugfunk“ – unter dem Moto: „Eisenbahn aus Sicht der Lokführer“. (Link zur Website)

Bahnblogstelle: Ende November hattet Ihr Euch mit der letzten „EiBs on Air“-Folge verabschiedet und angekündigt, dass das Projekt nun unter dem neuen Namen „Zugfunk“ weitergeführt wird. Welche Neuerungen kann der Hörer sonst noch erwarten?

Marcus: Wir starten mit einer sogenannten „Nullnummer“, wie sie unter Podcast-Machern üblich ist. Also eine Folge vor der ersten Folge, in der wir ein wenig erklären wer wir sind und was wir vorhaben. Das haben wir ursprünglich bei „EiBs on Air“ nicht gemacht und sind damals gleich mit der ersten Folge gestartet. Die Hörer erwartet sozusagen „EiBs on Air“ in neuem Gewand. Am Podcast-Konzept wird sich jedoch nichts ändern. Das einzige was sich tatsächlich ändert, ist, dass wir jetzt eine ordentliche Website, ein Intro und ein neugestaltetes Logo haben und nun auch mit professionellerem Audioequipment ausgestattet sind.

Bahnblogstelle: Ihr präsentiert Eure Themen informativ und sehr unterhaltsam – und geht dabei an einigen Stellen auch sehr fachlich ins Detail. Wie würdet Ihr Eure Zielgruppe beschreiben? Und kann auch der normale Fahrgast bei Euch mehr über das komplexe System Eisenbahn erfahren?

Marcus: Anfangs wollten wir ausschließlich Azubis ansprechen – mittlerweile hat sich das ein bisschen geweitet. Denn die Anzahl der Auszubildenden ist begrenzt, die Zahl der Eisenbahnfans dagegen schier unendlich. Man muss aber auch ganz klar sagen, dass der normale Bahnfahrer nicht zu unserer vorgesehenen Zielgruppe gehört.

Lukas (führt fort): Ich nehme mal das Beispiel zur Folge über das Zugsicherungssystem PZB. Das ist wirklich für Leute, die sich dann in dem Bereich schon besser auskennen. Wir haben es zu Beginn der Folge auch gesagt: Wir werden nicht auf die Grundlagen eingehen, sondern direkt mit der PZB für den Lokführer anfangen. Dem normalen Bahnfahrer bringt das sicher gar nichts. Der weiß hinterher vielleicht grob wie das System funktioniert, aber ohne Vorkenntnisse kann man daraus nichts lernen. Ich denke aber, bei der Bremse, da kann man auch als Laie so ein bisschen verstehen wie das funktioniert. Es kommt eben auf das Thema an.

Bahnblogstelle: Was hat Euch persönlich zur Eisenbahn geführt? Habt Ihr Euch bereits vor der Ausbildung für den Beruf des Lokführers interessiert?

Marcus: Ja, ich habe mich vorher schon für die Eisenbahn interessiert, allerdings war ich nie Eisenbahnfan. Ich habe vorher Informatiker gelernt und den Beruf auch einige Jahre ausgeübt. Eines Tages wollte ich einen Neuanfang, etwas komplett anderes machen. Ich bin dann sogar von Berlin nach München gezogen und habe hier die Ausbildung zum Lokführer bei der S-Bahn angefangen.

Lukas: Bei mir war es im Prinzip ähnlich. Die Eisenbahn hat mich schon immer fasziniert. Und weil mich gerade die Technik daran interessiert, habe ich mich auch erstmal dazu entschlossen, ein Studium zum Maschinenbauer/Schienenfahrzeugtechniker anzufangen. Dass mir jedoch der Lokführerberuf näher liegt, habe ich nach ungefähr einem Jahr festgestellt. Ich habe mich dann bei der Deutschen Bahn beworben – und nun bin ich ziemlich zufrieden mit dem was ich mache.

Bahnblogstelle: Glaubt Ihr, dass ein besser informierter Fahrgast auch mehr Verständnis für den Bahnbetrieb aufbringen kann?

Marcus: Ich persönlich denke ja. Allerdings glaube ich nicht, dass es so funktioniert. Ein Stück weit möchte ich behaupten, dass unsere Kunden nicht wissen müssen, wie komplex ein Bahnsystem ist. Dem Kunden ist es egal, wie anspruchsvoll ein Eisenbahnnetz ist – wir betreiben das, und wir werden wohl schon in der Lage sein, das auch hinzukriegen. Mehr Information wird an der Einstellung der Kunden unserem Unternehmen gegenüber eher wenig ändern.

Lukas (führt fort): Da ein normaler Fahrgast wohl niemals auf die Idee kommt, einen Podcast über Eisenbahn zu hören, denke ich mal, hat er auch gar nicht die Möglichkeit an derartige Informationen heran zu kommen und ist ja auch gar nicht daran interessiert.

Bahnblogstelle: Ihr seid noch relativ junge Eisenbahner beziehungsweise noch in der Ausbildung. Gab es für Euch trotzdem schon Erlebnisse, wo Ihr fast gesagt hättet: Ich kann den Job nicht mehr ausführen? Stichwort: Personenunfälle – also eher die negativen Seiten der Eisenbahn.

Lukas: Ich kann da ganz klar Nein zu sagen. Ich bin erst seit einem Jahr dabei, ich hatte derartige Erlebnisse bislang nicht. Toi toi toi.

Marcus: Ich kann mir Situationen vorstellen, wo ich danach Probleme hätte. Gerade wenn es darum geht – Personenunfälle mit Kindern. Ich hatte schon einen Personenunfall, das war aber ein alter Mann, der sich selbst umgebracht hat. Da muss ich dann – jetzt, fünf Jahre später – sagen: Meine Güte. Das geht dann einem nicht so nahe. Aber wenn man spielende Kinder überfährt, ist das nochmal eine ganz andere Größenordnung. Da wüsste ich nicht, wie ich darauf reagieren würde.

Du hast nach Situationen gefragt, wo man darüber nachdenkt, den Job nicht mehr weiter zu machen. Da fällt mir eher ein ganz anderer ein: Und zwar, wenn ich dreimal hintereinander um 2 Uhr 45 aufstehen muss.

Bahnblogstelle: Marcus, wo Du gerade das frühe Aufstehen ansprichst: Wie kommt Ihr mit den wechselnden Arbeitszeiten zurecht?

Marcus: Es ist schwer. Schichtdienst, gerade Wechselschichten sind sehr unangenehm und belasten körperlich und psychisch. Es gibt Leute die kommen damit eher klar – es gibt aber auch Leute, die macht das so richtig fertig. Natürlich kommt es auch darauf an, wo man arbeitet. Es gibt Dienststellen, die gehen mehr auf ihre Mitarbeiter ein, die sind zum Beispiel größer, wo es einfacher ist bevorzugte Schichten zu bekommen. Aber es führt nichts daran vorbei, dieser Schichtdienst macht auf lange Sicht krank.

Bahnblogstelle: Hin und wieder wird in sozialen Netzwerken oder auch in Gesprächen mit Eisenbahnern deutlich, dass der ein oder andere DB-Mitarbeiter sich negativ oder abfällig über Kollegen privater Bahnunternehmen äußert. Wie steht Ihr dazu und woran könnte das liegen?

Lukas: Ich kann so ein Verhalten überhaupt nicht verstehen. Wenn ich derartige Posts lese, denke ich mir: Leute, so funktioniert das System nicht. Das ist vielleicht ein Problem der alteingesessenen Eisenbahner, die sich da in ihren Grundfesten erschüttert fühlen. Es ist eben jetzt privat – es gibt keine Bundesbahn mehr. Ich sehe das so: Man kann nie wissen, wann man einen Kollegen mal braucht. Wir ziehen alle am selben Strang. Und gegeneinander arbeiten macht das System nur noch mehr kaputt und bringt nur Chaos rein. Zumal viele bei den Privatbahnen auch ehemalige DB-Mitarbeiter sind.

Marcus (führt fort): Allerdings muss man auch sagen, dass der Ausbildungsgrad der Lokführer in privaten Eisenbahnverkehrsunternehmen scheinbar schlechter ist, als bei der Bahn. Es gibt ja da so Statistiken über Rotverfehlungen – und da sind Privat-EVUs deutlich vor der DB. Ich befürchte, das wird dann oft verallgemeinert.

Bahnblogstelle: Das Thema autonome Züge, das Bahnchef Rüdiger Grube vor einigen Monaten ansprach, wurde auch bei Euch im Podcast ausführlich besprochen. Warum ist es dennoch richtig, auch als junger Mensch, den Traumberuf Lokführer nicht aufzugeben?

Marcus: Zuerst muss man sagen, dass es eine eher schlechte Art der Unternehmenskommunikation war, die Herr Grube da an den Tag gelegt hat. Unabhängig davon, ob das irgendwann kommt oder nicht, man sollte sich als Chef nicht hinstellen und sagen: In fünf Jahren brauche ich einen Großteil der Belegschaft nicht mehr.

Bahnblogstelle: Zumal aktuell ja händeringend Lokführer gesucht werden…

Marcus: Das kommt noch dazu. Ich kann nur sagen und wiederholen, was ich damals bereits im Podcast gesagt habe: Das autonome Fahren kommt – nicht heute, vielleicht auch nicht morgen, aber übermorgen auf jeden Fall. Warum man sich heute dennoch als Lokführer bewerben sollte, ist ganz klar: Bis es soweit ist, vergeht noch eine Menge Zeit. Zudem wird es wohl ein schrittweiser Übergang werden. Kritisch wird es erst, wenn wir anfangen in großen zusammenhängenden Netzen von alleine zu fahren. Ich könnte mir vorstellen, dass man irgendwann auf einem S-Bahn-Netz anfängt, das wäre prädestiniert dafür. Ein zusammenhängendes Netz, ein Betreiber, einheitliche Fahrzeuge.

Lukas (führt fort): Ich kann mich bei der Meinung nur anschließen. Ich denke mal, es wird mit kleinen Netzen anfangen, wo man Probeversuche macht und dann wird man sich irgendwann mal überlegen, wie man die Technik erweitern kann. Bis dahin vergeht jedoch noch ein bisschen Zeit.

Bahnblogstelle: George Stephenson wäre in diesem Jahr 236 Jahre alt geworden und die Eisenbahn in Deutschland feierte kürzlich ihr 181-jähriges Jubiläum. Was würdet Ihr Stephenson, dem so genannten „Vater der Eisenbahn“ und dem ersten Lokführer in Deutschland, William Wilson, sagen oder fragen – wenn Ihr die Chance dazu hättet?

Marcus: Schwere Frage. Ich persönlich habe mit der historischen Eisenbahn nicht viel am Hut.

Lukas: Eine Frage hätte ich nicht. Allerdings würde ich sie für ihre Arbeit loben. Dass sie sich damals etwas Tolles ausgedacht haben – ein System das bis heute gut funktioniert und die wirtschaftliche Entwicklung ziemlich gut vorangebracht hat.

Bahnblogstelle: Gibt es eine Persönlichkeit in der heutigen Bahnbranche, beispielsweise aus dem DB-Vorstand oder auch von anderen Bahnunternehmen, die Euch positiv beeindruckt hat?

Marcus: Ich finde es immer noch erstaunlich, dass sich Herr Weber, der Personalvorstand der DB, und Herr Weselsky, der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, noch zusammen in einen Raum begeben. (lacht) Ansonsten bekommen wir von unserem Vorstand ja nicht besonders viel mit. Allerdings habe ich Bernhard Weisser, den früheren Chef der S-Bahn München, relativ lange bewundert. Er hatte so eine Art an sich, in allem das Positive zu sehen.

Bahnblogstelle: Wie präsent ist das Bewusstsein dafür, dass man als Eisenbahner im Dienst eine sehr hohe Verantwortung trägt: Für andere und natürlich auch für sich selbst? Kann Routine eine Fehlerquelle sein?

Marcus: Ja! (nachdenklich) Es ist leider so – ist auch ein anerkanntes Problem.

Lukas (führt fort): Es gibt jeden Tag irgendeinen Mitarbeiter der ohne Warnweste über die Gleise läuft, von einer langsam fahrenden Rangierlok abspringt oder keinen Helm beim Kuppeln trägt. Es ist wie in allen Bereichen des Berufslebens, es geht viele Male gut und irgendwann geht’s dann eben nicht gut, und dann hat man sich eventuell den Kopf am Puffer gestoßen oder man ist im Schotter gestolpert oder man wurde tatsächlich von der Lok angefahren. In der Ausbildung wird man noch darauf hingewiesen: Leute denkt an die Unfallverhütungsvorschrift. Später im Regelbetrieb kommen dann aber noch der Termindruck und tausend andere Dinge hinzu. Deswegen kann man da nur sagen: Jeder hat auf sich selbst zu achten.

Bahnblogstelle: Durch Euren Podcast habt Ihr selbst ein Stück weit Medienpräsenz. Gibt es etwas, was Euch als Eisenbahner an der Berichterstattung anderer Medien über die Bahn stört?

Marcus: Wir haben uns dazu im Podcast ja bereits mehrfach geäußert. Man kann von den Redakteuren und Journalisten glaube ich nicht erwarten, dass sie sich zu 100 Prozent mit der Eisenbahn auskennen. Ich denke, dass man hier als Insider auch akzeptieren muss, dass in den Medien nicht immer alles fachlich korrekt ist, wie man es selber weiß. Ich kann darüber hinwegsehen, dass da Zugführer steht, statt Lokführer oder dass die ein Zs 1 mit einem Sh 1 verwechseln. Womit ich allerdings ein Problem habe, ist, wenn angefangen wird, in dieses Bahnbashing einzustimmen – einfach nur um Einschaltquoten zu machen oder Auflagen zu verkaufen.

Lukas (führt fort): Im Gegensatz zum Marcus, habe ich schon ein größeres Problem damit, dass man die jeweilige Tätigkeit nicht unbedingt weiß. Ich erwarte jetzt zwar nicht, dass die Medien wissen, wann ein Zugführer ein Zugführer ist, und wann der Lokführer Zugführer ist – das müssen die nicht wissen. Aber ich kann denk ich mal schon erwarten, dass man recherchiert. Ich behaupte ja auch nicht, dass ein Journalist ein Schreiberling ist. Mir fällt auf, dass es in anderen Berichten mit der korrekten Berufsbezeichnung deutlich besser funktioniert, als bei der Berichterstattung über die Bahn. Ebenso erwarte ich keine fachlichen Hintergründe, was Marcus bereits sagte. Bei Spekulationen allerdings, die nur dazu verwendet werden, die Auflage in die Höhe zu treiben, da wird’s wirklich unseriös.

Bahnblogstelle: Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit Eurem Projekt.

Weitere Infos zum Podcast von Marcus, Philipp und Lukas finden Sie auf www.zugfunk-podcast.de. Reinklicken und reinhören lohnt sich!


red

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  1. Zugfunk #01 RCAS | Zugfunk

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