Zugleit-/Sicherungssysteme und Signalanlagen

Normalspurnetz der Schweiz vollständig auf neues Zugbeeinflussungssystem ETCS umgerüstet

Symbolbild: Ein Hochgeschwindigkeitszug der SBB. (Foto: © SBB)

Das schweizerische Normalspurnetz ist als erstes in Europa vollständig auf das europäisch standardisierte Zugsicherungs- und Signalgebungssystem ETCS umgerüstet worden. Nach Angaben des schweizerischen Bundesamtes für Verkehr (BAV) wurden bis zum Fahrplanwechsel am 10. Dezember 2017 praktisch an allen Signalpunkten die modernen ETCS-Balisen eingebaut. Somit fallen laut BAV die Kosten für die Mehrfachausrüstung der Fahrzeuge mit Zugssicherungssystemen weg, was pro Lokomotive mehrere hunderttausend Franken einspart.


Symbolbild: Eine Eurobalise des europäischen Zugsichersungssystems ETCS. (Foto: © Bahnblogstelle)

Das Bundesamt für Verkehr (BAV) in der Schweiz hatte zum 1. Mai 2012 die Richtlinie „Zugbeeinflussung im schweizerischen Normalspur-Eisen­bahnnetz“ in Kraft gesetzt. Sie bestimmt, dass die mehrere Jahrzehnte alten Zugbeein­flussungen vom Typ Integra SIGNUM und ZUB 121 zum European Train Control System (ETCS) Level 1 Limited Supervision (L1 LS) migriert werden. Im schweizerischen Normalspur-Eisenbahnnetz sind davon rund 14.500 Signalpunkte betroffen. Gut fünf Jahre später ist dieses Ziel nach Angaben des BAV praktisch erreicht.

Die SBB, die rund 12.500 Signalpunkte zu migrieren hatte (ca. 11.500 im Rahmen Netzrollout und ca. 1.000 im Rahmen Stellwerksersatz), begann im Juli 2012 mit dem Rollout von ETCS L1 LS. Mit Ausnahme des Ab­schnitts Sion–Sierre, der 2018 auf ETCS Level 2 umgerüstet wird, und der Strecke Delémont–Boncourt sowie dem Bahnhof Schaffhausen wurde das Ziel Ende 2017 erreicht. Mit der Migration zu ETCS wird auch die Sicherheit erhöht. Bis Ende 2018 werden bei rund 50% der Zugbeeinflussungspunkte Informationen zur Geschwindigkeitsüberwachung übertragen.

Bei der BLS wurden rund 1.300 Signale umgerüstet. Nur in der Station Oberdiessbach wird ETCS aufgrund eines Stell­werksersatzes erst 2018 in Betrieb genommen. Bei der Südostbahn waren bis Ende 2017 rund 357 Signale umzurüsten. Bei den übrigen von der Migration betroffenen Normalspurbahnen wird die Migration Ende 2018 abgeschlossen sein.

Seit dem Fahrplanwechsel 2017 können somit auf dem überwiegenden Teil des Schweizer Normalspurnetzes erstmals Fahrzeuge verkehren, die nur noch mit ETCS ausgerüstet sind. Damit fallen die Kosten für die Mehrfachausrüstung der neuen Fahrzeuge mit Zugssicherungssystemen weg. Pro Fahrzeug lassen sich so mehrere hunderttausend Franken einsparen. Ebenso können bei den bestehenden Fahrzeugen die SIGNUM-Magnete und ZUB-Koppelspulen entfernt werden, was zu Einsparungen beim Unterhalt führt sowie die Zuverlässigkeit verbessert.

Grenzbetriebsstrecken

Auf ETCS umgestellt werden auch alle Grenzbetriebsstrecken zum umliegenden Ausland. Aus verschiedenen Gründen waren bis im Dezember 2017 nicht alle Grenzbetriebsstrecken mit ETCS bereit. Dies betrifft unter anderem die Grenzbetriebsstrecken des Rhein-Alpen-Korridors im Raum Basel sowie zwischen Iselle und Domodossola und Ranzo und Luino. Voraussichtlich wird die ETCS-Bereitschaft auf allen Grenzbetriebsstrecken im Verlauf des Jahres 2018 erreicht.

ETCS Level 2

Im August 2011 hatte das BAV entschieden, dass in einem weiteren Schritt ab 2025 das gesamte Schweizer Normalspurnetz sukzessive auf die ETCS Level 2-Technologie umgerüstet werden soll. Diese Technik, die ohne Aussensignale auskommt und dem Lokführer die Anweisungen direkt in den Führerstand übermittelt, ist bereits auf der Strecke Mattstetten–Rothrist (Linie Bern-Olten), den Basislinien durch Lötschberg, Gotthard und künftig Ceneri sowie auf den Zufahrten zum Gotthard-Basistunnel sowie zwischen Lausanne und Villeneuve im Einsatz.

Ab 2025 kommen viele Stellwerksanlagen an das Ende ihrer Lebensdauer und müssen ersetzt werden. Das BAV wird bis 2019 aufgrund der bisherigen Erfahrungen und aufgrund von Kosten/Nutzen-Abwägungen entscheiden, ob und in welcher Art bei deren Ersatz die Implementierung von ETCS Level 2 zum Einsatz kommen soll.

Einheitliches System für Schmalspurbahnen

Im August 2013 legte das BAV auch einen verbindlichen Standard für die Zugbeeinflussung für Meter- und Spezialspurbahnen (ZBMS-Standard) fest. Damit wird mit einem leistungsfähigen Zugbeeinflussungssystem gewährleistet, dass der Betrieb von Regional- und Vorortsbahnen bei immer intensiverer Nutzung sicher bleibt. Der ZBMS-Standard lehnt an ein bestehendes System (ZSI 127) an, welches auf den europäisch normierten ETCS-Komponenten aufbaut und bereits bei der Zentralbahn (zb), der Berner Oberland-Bahn (BOB) und der Bremgarten-Dietikon-Bahn (BDWM) erfolgreich betrieben wird. Mit dem neuen Standard sollen auch für Meter- und Spezialspurbahnen Synergien erzeugt, Kosten gespart und die Systeme vereinheitlicht werden.

Während die Systemführung für ETCS der Normalspurbahnen bei der SBB liegt, wurde die Systemführung für den ZBMS-Standard an die RhB vergeben.

Stärkung des grenzüberschreitenden Bahnverkehrs

Die Schweiz hat mit der flächendeckenden Migration auf ETCS ein modernes, interoperables und zukunftsfähiges Zugsicherungs- und Signalgebungssystem eingeführt. Auslöser für die Wahl von ETCS war die Inbetriebnahme von neuen Strecken mit höheren Geschwindigkeiten, namentlich die Neubaustrecke Mattstetten–Rothrist ab 2004. Für die Geschwindigkeiten bis 200 Kilometer pro Stunde waren die bisherigen Systeme mit Aussensignalisierung nicht tauglich. Die Schweiz wählte daher nicht eines der bestehenden länderspezifischen Systeme, wie sie in den Nachbarländern Deutschland, Frankreich und Italien für Hochgeschwindigkeitsstrecken in Betrieb sind. Deren technische Lebensdauer war absehbar, während ETCS ein europäisch standardisiertes System ist, das kontinuierlich weiter entwickelt wird.

ETCS ist von der Europäischen Union für die internationalen Verkehrskorridore mittelfristig vorgeschrieben. Die Schweiz, die im Zentrum des Nord-Süd-Korridors Rhein–Alpen liegt, hat damit Pionierarbeit geleistet.


red/BAV

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