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Brandbrief des Bahnvorstands: VCD sieht „Hilferuf an die Bundesregierung“

Das interne Schreiben des Bahnvorstands an die Führungskräfte des Konzerns, in dem die „schwierige Situation“ der DB offen angesprochen wurde, hat in den vergangenen Tagen für einiges an Aufsehen gesorgt. Auch wenn sich die Deutsche Bahn bislang selbst nicht öffentlich weiter zum Inhalt äußern will, wird der Brief von unterschiedlichen Seiten auch als Hilferuf und Kritik an der Politik verstanden.


Der ökologische Verkehrsclub kommentiert das Schreiben und wirft die Frage auf, ob der vermeintlich konzerninterne Brandbrief von DB-Chef Richard Lutz nicht doch ein für die Öffentlichkeit bestimmter Hilferuf an die Bundesregierung sei. Denn: „Die Bundesregierung spricht zwar von einer Verkehrsverlagerung auf die Schiene. Tatsächlich verzichtet sie bei Urlaubsflügen weiterhin auf eine Kerosin- oder Mehrwertsteuer und legalisiert Gigaliner auf der Autobahn. So eine Politik setzt natürlich das staatseigene Bahnunternehmen enorm unter Druck“, sagt Philipp Kosok, Bahnexperte des ökologischen Verkehrsclubs VCD. „Wenn die Bundesregierung es mit der Verkehrsverlagerung auf die Schiene ernst meint, muss sie faire Wettbewerbsbedingungen zwischen den Verkehrsmitteln schaffen.“

Kritik in Richtung Politik äußert auch der Ehrenvorsitzende des Fahrgastverbands Pro Bahn, Karl-Peter Naumann. „Wir sehen diesen Brandbrief als sehr mutig an, weil er wirklich die Probleme beschreibt“, so Naumann in der Frankfurter Rundschau. Auch politische Rahmenbedingungen seien für die Lage verantwortlich.

„Wenn jetzt am falschen Ende gespart wird, könnte der Bahnkonzern noch tiefer in die Krise fallen“, ergänzt Matthias Lieb, Vorsitzender des VCD Landesverband Baden-Württemberg. „Anstatt bei der Modernisierung von Fahrzeugen und dem Streckennetz, sollte bei Milliardenprojekten wie Stuttgart 21 gespart werden. Die ungedeckten Mehrkosten von rund vier Milliarden Euro dieses politisch gewollten Projektes muss derzeit die Deutsche Bahn schultern.“ Die Verantwortung trage aber die Bundesregierung. Deshalb müsste sie für die Mehrkosten aufkommen, so Lieb weiter. „Der VCD hat bereits im Sommer bei einer Anhörung im Bundestag Vorschläge unterbreitet, wie bei Stuttgart 21 noch immer sinnvoll gespart werden kann, ohne das Vorhaben komplett abzubrechen. Auf den geplanten unterirdischen Fernbahnhof am Stuttgarter Flughafen kann man problemlos verzichten – zugunsten einer Lösung wie in Düsseldorf. So ließe sich in den nächsten Jahren rund eine dreiviertel Milliarde Euro einsparen.“

Dirk Flege, Geschäftsführer von Allianz pro Schiene, glaubt nicht, dass mit einer baldigen Trendwende zu rechnen sei. „Ich sehe keine großen Verbesserungen in den nächsten ein bis zwei Jahren“, sagt Flege laut einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur. „Das sind echte Systemprobleme“, ergänzte er und betonte vor allem, dass die einzelnen Geschäftsfelder des Konzerns nicht ausreichend zusammenarbeiteten.

EVG: „Führungskräfte müssen wieder mehr auf Eisenbahner hören“

Aus Sicht des Vorsitzenden der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) müssten endlich „Pünktlichkeit und Qualität“ wieder im Mittelpunkt stehen. „Die Kunden wollen eine Eisenbahn, die verlässlich ist – und das wollen unsere Kolleginnen und Kollegen letztlich auch“, erklärt Alexander Kirchner. Ob dieses Ziel mit der jetzt verhängten qualifizierten Ausgabensteuerung erreicht werden kann, werde seitens der EVG allerdings bezweifelt. „Die Führungskräfte müssen endlich raus aus ihren Bürotürmen und wieder mehr auf die Eisenbahnerinnen und Eisenbahner hören, die das Geschäft kennen“, forderte der EVG-Vorsitzende. Die Gewerkschaft habe schon vor zwei Jahren massive Zweifel am Projekt „Zukunft Bahn“ angemeldet und werde jetzt leider in weiten Teilen bestätigt, heißt es. „Das vorliegende Schreiben ist nichts anderes als das Eingeständnis, auf das falsche Pferd gesetzt zu haben.“ Die DB AG bräuchte nicht noch mehr externe Berater, sie brauche nach Ansicht der EVG den Sachverstand, der im eigenen Haus im operativen Geschäft vorhanden sei und nur abgerufen werden müsse.

Zudem betont Kirchner: „Wir schaffen die Verkehrswende nur, wenn die Eisenbahn als Verkehrsträger insgesamt attraktiver wird.“ Insofern sei es mehr als ärgerlich, wenn die Mängel bei der Deutschen Bahn Auswirkungen aufs Gesamtsystem hätten. „Unpünktliche Züge, die den Fahrplan durcheinanderbringen, oder schadhafte Trassen, die den Bahnverkehr beeinträchtigen, sind ein Ärgernis für alle, die auf dem Netz der Deutschen Bahn unterwegs sind. Das muss so schnell wie möglich ein Ende haben“, so der EVG-Vorsitzende. Gefordert sei deshalb auch der Bund als Eigentümer. Die EVG erwarte, „dass die hohen Erwartungen, die mit der im Koalitionsvertrag getroffenen Aussage, die Schiene als Verkehrsträger stärken zu wollen, nun mit Leben erfüllt wird. Und dazu bedarf es auch einer klaren Ansage an den Bahnvorstand, damit der liefert, was gefordert ist“, so Kirchner.

Es sei bedauerlich, dass die Deutsche Bahn – angesichts drohender oder auch schon ausgesprochener Fahrverbote, verstopfter Innenstädte und immer längerer Staus auf den Autobahnen – von vielen nicht als sinnvolle Alternative wahrgenommen werden kann. Nötig sei dazu in erster Linie Verlässlichkeit – also Pünktlichkeit und Qualität. „So lange die DB AG das nicht garantiert, sind nach unserer Einschätzung alle Bemühungen vergeblich, die augenblickliche Krise zu bewältigen“, so der EVG-Vorsitzende abschließend.


red – aktualisiert

Titelfoto: © Bahnblogstelle

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