RuhrtalBahn-Chef Tigges kritisiert DB-Konzern und „völlig fehlgeschlagene Bahnpolitik“

Mit ziemlich deutlichen Worten hat der Geschäftsführer der RuhrtalBahn, Stefan Tigges, in der Podcast- und Radiosendung „Langsamfahrt“ Kritik an der aktuellen Verkehrspolitik sowie an der Deutschen Bahn geäußert. Anfang Juli sah sich das Unternehmen gezwungen, den ehrenamtlichen Museumsverkehr nach 15 Betriebsjahren einzustellen (Bahnblogstelle berichtete). Tigges zufolge sei die RuhrtalBahn Opfer einer „völlig fehlgeschlagenen Bahnpolitik“ geworden.


Stefan Tigges, Geschäftsführer der RuhrtalBahn:

„Die RuhrtalBahn ist Synonym für eine völlig fehlgeschlagene Bahnpolitik, die auch einfach ihre Opfer fordert.

[…] Wir geben komplett auf. Ich habe keine Lust, gegen eine CDU/CSU-Verkehrspolitik anzuarbeiten, die die Bahn krass benachteiligt. Ich habe nicht mehr Lust in einem Umfeld zu arbeiten, wo ich für jeden Bahnkilometer vier bis fünf Euro Trassenpreise bezahlen muss und wo ich mit meinem Busunternehmen gleichzeitig mehr oder weniger kostenlos auf den Straßen rumfahre. Das funktioniert heute einfach nicht.“

Die Enttäuschung des RuhrtalBahn-Chefs ist im Interview kaum zu überhören. Mit einem anschaulichen Beispiel macht er zudem deutlich, woran es aus seiner Sicht liegt, dass Busunternehmen wesentlich wirtschaftlicher und einfacher arbeiten können als so manches Eisenbahnverkehrsunternehmen:

„Wenn mich ein Kunde anruft und sagt, er möchte gern 50 Leute von A nach B fahren – sagen wir mal 50 Kilometer weit, hin und zurück, dann gebe ich ihm ein Busangebot innerhalb von 10 Minuten. Da hab ich aber noch keinen Fahrer und keinen Bus – die kann ich mir alle hinterher besorgen. Das geht alles. Und dann sage ich: kostet 600 Euro, als Beispiel. […] Das wird mit 99,5 prozentiger Wahrscheinlichkeit klappen.

Ruft der gleiche Kunde mich an und sagt unglücklicherweise, er möchte mit der Bahn fahren, reden wir nicht über 600 Euro, da reden wir über 2.000. Die Wahrscheinlichkeit das es klappt – wenn ich die Fahrplantrasse beantragt habe, wenn ich einen Fahrer gefunden habe, wenn ich vielleicht sogar noch ein Ersatzfahrzeug brauche – ist aber höchstens 50 Prozent. Weil die Bahn laufend irgendwelche Baustellen hat, die Stellwerke nicht besetzt sind… Ich weiß nicht was es da alles für Zufälle geben kann. Es funktioniert einfach im Konzern Deutsche Bahn AG fast nichts. Und das ist das Hauptproblem.“

Allein die Überführung von Leihfahrzeugen für den Museumsverkehr über hunderte Kilometer mit horrenden Trassengebühren, die Bereitstellung von Lokführern mit erforderlicher Streckenkunde und vieles mehr, seien für den Betrieb auf Dauer unwirtschaftlich. Dennoch, so führt Tigges aus, kann ein Eisenbahnbetrieb auch funktionieren, wenn die richtigen Voraussetzungen gegeben seien:

„Eisenbahn ist ein gutes Geschäft, wenn man verlässlich im Fahrplan fährt, hoch subventioniert und die Fahrgeldeinnahmen, die auch drastisch angestiegen sind, dann auch behalten darf. Dann ist es unterm Strich ein gutes Geschäft.

Was aber überhaupt nicht funktioniert ist, wenn sie im Gelegenheitsverkehr unterwegs sind.“

Schuld an der kürzlichen Einstellung des Betriebs sei laut dem RuhrtalBahn-Chef auch die zu starke Regulierung und Komplexität des Gesamtsystems. Für Eisenbahnen, die ehrenamtlich betrieben werden, seien die Anforderungen kaum zu stemmen.

Nachdem am Motorwagen des eigenen, rund 60 Jahre alten Schienenbusses vom Typ VT 98 Schäden aufgetreten sind, überstiegen die Kosten und erforderlichen Arbeitsstunden laut Tigges zunehmend das scheinbar machbare. Zudem seien die Maßstäbe, die an eine Hauptuntersuchung musealer Fahrzeuge angelegt werden, vergleichbar mit denen neuwertiger Fahrzeuge. Das war der Anfang vom Ende:

Wir sind eine ehrenamtlich arbeitende Werkstatt und wir haben auch keine üppige Finanzausstattung. Wir können uns keine zertifizierte und mit allen Ambitionen ausgestattete Werkstatt leisten, sondern wir müssen das weitgehend selber machen. Und da fangen dann die Probleme schon an.

[…] Dann sind auf Betreiben der Betriebsleitung verschiedene Gutachter gekommen und […] jeder hat auch etwas neues entdeckt. Das wahrscheinlich bei einem 60 Jahre alten Fahrzeug auch nicht weiter erstaunlich ist. In Summe hat sich das soweit ausgeweitet, dass wir zu der Erkenntnis gekommen sind, wir können ohne eine vorgezogene Hauptuntersuchung nicht vernünftig weiter arbeiten. Wir haben uns zusammengesetzt, haben überlegt was eine Hauptuntersuchung kostet, wie viele Stunden wir ehrenamtlich dafür brauchen, mit allem drum und dran… Und haben uns dann entschlossen, die RuhrtalBahn einzustellen.“


Das komplette Radiointerview zum Nachhören finden Sie auf www,langsamfahrt.de

Aktuell teilt die RuhrtalBahn auf ihrer Internetseite mit, dass man derzeit prüfe, ob und inwiefern im Jahr 2020 möglicherweise mit angemieteten Fahrzeugen doch wieder Fahrten möglich sein könnten. Aktuell gebe es entsprechende Gespräche mit potenziellen Zuschussgebern, neuen Partnern und weiteren Unterstützern.


red

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