DB-Chef Richard Lutz: „Der Klimawandel war nicht im Lockdown“

Foto: DB AG

Auch wenn Corona derzeit den „Blick auf das Hier und Jetzt“ lenkt, bleibe der Klimawandel eine Herausforderung, betont der Chef der Deutschen Bahn, Richard Lutz, im Business-Netzwerk LinkedIn. Das Thema habe bei der Bahn nie an Bedeutung verloren. Bis 2050 will man komplett klimaneutral – und zu einer echten „green company“ – werden.

Das Schreiben von DB-Chef Richard Lutz im Wortlaut:

„Corona lenkt unseren Blick auf das Hier und Jetzt. Doch müssen wir heute auch an die Zeit danach denken. Denn eine Gewissheit wird uns dort wiederbegegnen – die des Klimawandels. Ich komme gerade aus dem Sommerurlaub zurück. Die erste Jahreshälfte war für uns alle ja an Anspannung kaum zu überbieten. Umso wichtiger sind solche Momente des Ausruhens, Innehaltens und Reflektierens. Mit etwas Abstand zu Alltagshektik und Corona-Krisenmanagement ist mir noch einmal klar geworden, wie tiefgreifend sich die Situation in den vergangenen Monaten verändert hat. Nicht nur für die Menschen und die Gesellschaft, sondern auch für mein Unternehmen, die Deutsche Bahn.

Während wir zu Jahresbeginn noch stetig wachsende Reisendenzahlen verzeichneten und selbstbewusst „Deutschlands schnellster Klimaschützer“ auf unsere ICE-Züge geschrieben haben, war von Fahrgastrekorden und grüner Mobilität spätestens im März nicht mehr groß die Rede. Jetzt ging es um die Heldinnen und Helden des Alltags, um Masken, Nudeln und Klopapier. Menschen und knappe Güter zuverlässig an ihr Ziel bringen, unseren Beitrag zum Funktionieren der Gesellschaft zu leisten – dafür haben wir alles gegeben. Und mittlerweile befinden wir uns wieder in einer anderen Diskussion: Jetzt gilt es, unseren Weg zur „neuen Normalität“ zu finden und die Bahn wieder zurück zu den Fahrgastrekorden zu führen, die wir vor der Corona-Krise hatten.

Die Pflicht, heute an die Zeit nach Corona zu denken

Noch stecken wir mittendrin in der Ausnahmesituation, die Corona geschaffen hat. Mit Gewissheit sagen können wir aktuell nur, dass es keine Gewissheiten mehr gibt. Die Lage bleibt unübersichtlich, Prognosen mit enormer Unsicherheit behaftet. Und doch haben wir die Pflicht, an die Zeit nach Corona zu denken. Denn es gibt etwas, das Bestand hat und uns wiederbegegnen wird – der Klimawandel! Er wird sich früher oder später in unser Bewusstsein zurückdrängen. Der Klimawandel war nicht im Lockdown und bleibt eine unsere Lebensgrundlagen bedrohende Herausforderung für alle Generationen.

Dass die Schiene eine zentrale Rolle beim Erreichen der Klimaziele spielt, davon sind wir bei der DB schon lange überzeugt. Für wirkungsvollen Klima- und Umweltschutz haben wir bereits viel getan: Im Großen etwa, indem wir im Fernverkehr seit über zwei Jahren mit 100 Prozent Grünstrom unterwegs sind. Oder im Kleineren durch die Einführung mikroplastikfreier Seife in den Bordtoiletten. Doch das reicht uns nicht. Die Herausforderung Klimawandel ist so massiv, dass wir unseren Beitrag zu einer grünen Zukunft noch deutlich rigoroser und tiefgreifender gestalten werden. Bis spätestens 2050 wollen wir DB-weit klimaneutral werden. Unser Ziel ist, eine echte green company zu bauen – ein Unternehmen, das in sämtlichen Aspekten seines Handelns und Wirtschaftens nachhaltig und ökologisch bewusst vorgeht.

Abschied vom Diesel

Dazu gehört auch, dass wir uns unbequemen Fragen stellen. Unbequemen Fragen weicht man ja gern erstmal aus. Aber wenn wir ehrlich sind, sind es genau diese Fragen, die uns weiterbringen. Ein Beispiel: Wir haben uns vorgenommen, den Strom zum Antrieb unserer Züge bis 2030 zu 80 Prozent aus erneuerbaren Energien zu beziehen. Spätestens 2038 sollen es sogar 100 Prozent sein. Dafür stellen wir Energienetz und -quellen der DB komplett neu auf: Auslaufende Kraftwerksverträge, die auf konventionellen Energieträgern beruhen, werden Schritt für Schritt durch „grüne Verträge“ ersetzt. Mit den Bestellern im Regionalverkehr arbeiten wir daran, die Versorgung mit Grünstrom zur Auflage in Ausschreibungen zu machen.

Doch was ist – Achtung, unbequeme Frage! – mit all den Strecken, die gar nicht elektrifiziert sind und im Ausbauprogramm des Bundes auch nicht elektrifiziert werden sollen, weil Kosten und Nutzen in keinem guten Verhältnis stehen? Antwort: Auch hier werden wir grüne Innovationen in die Wege leiten. Mit Diesel betriebene Fahrzeuge gehen bei uns im Laufe der kommenden drei Jahrzehnte komplett aus dem Betrieb oder werden umgerüstet. Die Zukunft gehört Lösungen wie Wasserstoffantrieben, Batterie-Zügen, die sich an Oberleitungsinseln an Bahnhöfen für die kommende Streckenetappe aufladen oder alternativen Kraftstoffen, die den Diesel umweltfreundlich ersetzen. Gemeinsam mit der Industrie arbeiten unsere Technologie-Teams – wie bspw. im advanced TrainLab – hier an grünen Innovationen.

Wer es ernst meint, fängt bei sich selbst an

Klar ist: Auf unserer Position als grünster Verkehrsträger ruhen wir uns nicht aus. Im Gegenteil, wer die grüne Fahne hochhält, muss auch hohen Ansprüchen gerecht werden. Das wissen wir, und daher kommt bei uns alles auf den Prüfstand – von der Leuchtstoffröhre bis zur Lieferkette, vom Druckerpapier bis zum Dienstwagen. Das mag oft auch in kleinteiligen Maßnahmen münden. Bei der DB etwa künftig in weniger Plastikverpackung in der Bordgastronomie oder unlängst in die Einrichtung „grüner Arbeitsplätze“ mit aufgearbeiteten Büromöbeln. Doch zusammengenommen machen diese Maßnahmen klar einen Unterschied. Und sie zeigen, dass der Einsatz für Umweltschutz bei uns nicht nur eine strategische Priorität ist, sondern uns alle auch im alltäglichen Handeln leitet. Und wenn jeder Einzelne seinen Beitrag leistet, wird es im Großen auch gelingen.

Dass wir gemeinsam etwas bewegen können, gilt auch fürs große Ganze! Jeder Einzelne von uns ist gefragt. Auch ich bin kein Öko-Heiliger, habe aber mein persönliches Mobilitätsverhalten auf den Prüfstand gestellt. Flugreisen meiden wir schon seit Jahren. Und im letzten Jahr hat der „Lutz-Familienrat“ beschlossen, den aktuellen Dienstwagen nicht mehr zu verlängern; bei 9.000 km in drei Jahren macht das auch keinen wirklichen Sinn. Neben den „Öffis“ nutzen wir in Berlin seit einiger Zeit verstärkt das Fahrrad. Und ich muss sagen, dass Berlin sich langsam aber sicher zur Fahrradstadt mausert. Spaß macht es außerdem – und nicht zuletzt ist es gesund!

Zukunft gehört für uns zum Kerngeschäft

Klar, dieser Weg ist nicht immer einfach. Es gibt ab und zu Misserfolge, und manchmal buhlen andere Themen um bevorzugte Behandlung, wie aktuell Corona. Und doch ist grünes Engagement nichts, was vom Zeitgeist abhängen darf, oder gar entbehrlich ist. Nein, Zukunft gehört für uns zum Kerngeschäft – zu dem, was uns als DB im Innersten ausmacht. Alle, die uns auf diesem Weg unterstützen möchten, sind bei uns hochwillkommen. Als Kunden, Mitarbeitende, Partner – und natürlich auch als kritische Begleiter. Fest steht: Der kleine, aber konkrete Beitrag, den wir als DB zur Gesundung der Erde leisten können, ist Teil unserer Daseinsberechtigung als Unternehmen. Wir wollen unsere Umwelt lebenswert halten. Für kommende Generationen – und auch für den nächsten Sommerurlaub.


red