Wettbewerbsbahnen in Schwierigkeiten – Rahmenbedingungen im SPNV müssen sich ändern

Foto: EVN

Das private Bahnunternehmen Abellio steht möglicherweise vor der Pleite. Das zumindest berichtet das Handelsblatt. Nach Ansicht von Branchenkennern müssen sich die Rahmen­bedingungen für den Wettbewerb im Schienenpersonennahverkehr (SPNV) ändern.

Laut dem Bericht steckt Abellio, eine Tochter der niederländischen Staatsbahn NS, derzeit in finan­ziellen Schwierigkeiten. Nachdem das Unternehmen im Geschäftsjahr 2019 einen Verlust von rund 33 Millionen Euro eingefahren hat, könnte schon bald das Aus drohen, spekuliert die Finanz- und Wirtschaftszeitung. Bis zum Jahresende sei Abellio zwar durch eine Patronatserklärung der Mutter geschützt, ob die Niederländer aber darüber hinaus an ihrer defizitären deutschen Tochter festhal­ten, sei ungewiss, heißt es.


Grund für die Schieflage des Unternehmens ist dem Medienbericht zufolge nicht die Corona-Pandemie, sondern die Art des Vergabesystems im Schienenperso­nennahverkehr (SPNV). Denn in der Regel erhält das Verkehrsunternehmen mit dem günstigsten Angebot den Zuschlag für ein Nahverkehrsnetz. Das rächt sich nun offenbar. Mofair-Geschäftsführer Matthias Stoffregen glaubt, „ohne tiefgreifende Veränderungen“ werde dieses System „an die Wand gefahren.“

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Auch über einen möglichen Verkauf von Keolis Deutsch­land (Euro­bahn), einem Unternehmen der französischen Staatsbahn SNCF, wurde bereits spekuliert. Den hatte der frühere Keolis-Konzernchef Patrick Jeantet, der das Unter­nehmen wenig später verlassen musste, im Frühjahr in einem Inter­view angedeutet. Wie die Keolis-Gruppe laut dem Handelsblatt erklärt, prüfe man stets die Strategie des Gesamt­konzerns. Ziel sei es, in Deutschland „wirtschaft­lich erfolgreich auf dem Markt tätig zu sein“. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten, denn auch Keolis schreibt hierzulande seit Jahren rote Zahlen.

„Wenn wir die Rahmenbedingungen für den SPNV-Wettbewerb in Deutschland nicht grundlegend verändern, dann wird es bald keinen Wettbewerb mehr geben, weil die meisten SPNV-Unterneh­men auf Dauer wirtschaftlich so nicht überleben können“, sagt Jost Knebel, Vorsitzender des Aus­schusses für Wettbewerbsbahnen im Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) laut dem Bericht. Jost ist zudem Chef des Abellio-Konkurrenten Netinera, einer Tochter der italienischen Staatsbahn.


Der Branchenverband Mofair befürchtet, dass die derzeit schwierige Situation weitreichende Folgen für den Wettbewerb haben wird. „Wenn sich nichts ändert, werden die Unternehmen sich nicht mehr an Ausschreibungen beteiligen, weil das Risiko zu groß ist. Dann haben wir bald wieder Monopolpreise“, warnt Stoffregen im Handelsblatt. Damit würde die Deutsche Bahn, die vom Bund als Eigentümer mit Milliardenhilfen gestützt wird, als einziger Anbieter übrig bleiben.


red