22 Jahre nach dem Zugunglück von Eschede – Ex-Bahnchefs äußern sich in NDR-Sendung zu ihrer Verantwortung

Foto: NDR

In der NDR-Sendung Die Narbe, die am Mittwoch ausgestrahlt wird, äußern sich frühere Bahnchefs zu ihrer Verantwortung im Zusammenhang mit dem Zugunglück von Eschede. Bei der Entgleisung eines ICE im Juni 1998 starben damals insgesamt 101 Menschen.

Der frühere Bahnchef Hartmut Mehdorn hat sich jetzt erstmals seit Ende seiner Amtszeit vor mehr als 10 Jahren zu seinem Umgang mit dem Zugunglück von Eschede geäußert und rechtfertigt, dass er sich damals nicht bei den Opfern und Hinterbliebenen im Namen der Deutschen Bahn entschuldigt hat. In der NDR-Sendung Die Narbe sagt der frühere Bahnmanager, dass es kein direktes Versagen gegeben habe. Und weiter: „Wenn es hilft, dass eine Entschuldigung ein Lippen­bekenntnis ist, dann ist es aber nicht sehr viel wert. Eine Entschuldigung muss ja vom Herzen kommen (…) Für mich war klar, dass man das Emotionale und das Geschäft auseinanderhalten muss“, so Mehdorn.

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Das Verhältnis zwischen Angehörigen der 101 Verstor­benen und der Deutschen Bahn gilt seit dem ICE-Unglück als belastet. Grund dafür ist unter anderem, dass die damaligen Bahnchefs Johannes Ludewig und sein Nachfolger Hartmut Mehdorn es in den Jahren nach der Katastrophe vermieden, sich öffentlich zu entschuldigen. In einem der umfangreichsten Prozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte konnte der Deutschen Bahn 2003 keine direkte Verantwortung für das Zugunglück nachgewiesen werden.

Mehdorn, der als Bahnchef von 1999 bis 2009 die Aufarbeitung des Unglücks verantwortete, sieht sich auch gut zwanzig Jahre danach in seiner Haltung bestätigt: „Natürlich sind die Opfer tief verletzt. Und natürlich haben sie eine gewisse Erwartungshaltung. Und Opfer – warum auch immer – sind halt immer auf der Suche nach einem Schuldigen.“ Auf die Frage, wie man eine solche Tragödie aus der Perspektive des Bahn-Verantwortlichen sehe, entgegnet Mehdorn: „Wenn man eine Verantwortung für ein großes Unternehmen trägt, dann gibt es ständig im Kleinen und Großen Einzelschicksale. Und Sie müssen halt sehen, dass Sie nicht selbst dabei verrückt werden oder ihren Schlaf verlieren.“

Auf die Frage, ob er die Kritik vieler Angehöriger nachvollziehen könne, dass er öffentlich zu distanziert agiert hätte, sagt der frühere Bahnmanager: „Das können die gar nicht beurteilen. In ihrem Trauerzorn können die so etwas sagen. Aber wenn sie das fünfmal sagen, ist das immer noch nicht richtiger. Ich kann nachvollziehen, dass da Leute einen Schuldigen suchen und gerne einen hätten und dann sich irgendeinen suchen, klar.“



Anders äußerte sich Mehdorns Vorgänger, Johannes Ludewig, gegenüber dem NDR. Ludewig war zum Zeitpunkt des Unglücks 1998 Chef der Deutschen Bahn. „Es gibt eine juristische Seite und es gibt auch eine moralische Seite. Und ich glaube schon, dass in diesem moralischen Sinne natürlich hier die Bahn klar in einer wie immer gearteten Verantwortung war. Und deswegen wäre es schon am Platze gewesen, sich zu entschuldigen. Das ist eines der Dinge, die ich sicher heute anders machen würde als damals.“

Eine Entschuldigung der Deutschen Bahn erfolgte erst 15 Jahre nach der ICE-Katastrophe 2003 durch den damaligen Vorstandschef Rüdiger Grube: „Wir wollen uns für das entstandene menschliche Leid entschuldigen“, sagte er bei einer Gedenkfeier für die 101 Todesopfer des Unfalls.

Die NDR-Sendung Die Narbe über das Zugunglück von Eschede, moderiert von Anja Reschke, sendet das NDR Fernsehen am Mittwoch (21. Oktober) um 21:00 Uhr.


red