Schienensuizide und ihre Folgen – Wenn sich Lokführer schuldig fühlen

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Schienensuizid ist häufig ein Tabuthema. Aus Sorge vor Nachahmern folgen viele Medien einer freiwilligen Selbstbeschränkung und berichten nicht oder nur in besonderen Einzel­fällen darüber. Dabei geschieht die Selbsttötung auf dem Gleis statistisch gesehen jeden Tag.

Die Zahl der Schienensuizide ist nach Angaben des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA) in den letzten Jahren zwar gesunken, liegt aber dennoch weiterhin auf einem hohen Niveau. Allein 2019 wurden laut dem Sicherheitsbericht des EBA insgesamt 646 Suizide und 103 Suizidversuche erfasst. Seit 2007 liegt die Zahl der Selbsttötungen im Gleis bei durchschnittlich 792 pro Jahr.

ZDF zeigt Reportage zum Tabuthema Schienensuizid

Lokführer, die derartige Ereignisse erleben, haben meist wenig Chancen über ihre enormen psychischen Belastungen zu sprechen. Die ZDF-Reportage 37° mit dem Titel „Schatten im Gleis – Wenn Lokführer sich schuldig fühlen“, die am Dienstag um 22:15 Uhr ausgestrahlt wird, gibt zwei Eisenbahnern eine Stimme. Die beiden Lokführer Sören und Wolfgang beschreiben, wie unterschiedlich sie mit ihrer Traumatisierung umgehen.


„Es gibt bei Schienensuizid zwei Opfer. Das Opfer, das den Tod wollte, und das Opfer, das in diese Situation hineingezogen wurde“, sagt Sören. Er war erst seit einem Jahr Lokführer, als er einen tödlichen Personenunfall erlebte. Seither plagt ihn die Frage: Bin ich schuld an dem Tod des Mädchens?

Wolfgang ist seit 30 Jahren Lokführer. In diesem Zeitraum hat er bereits fünf Schienensuizide erlebt. Er gerät in eine Spirale aus Schuldgefühlen und Selbstzweifeln und begibt sich schließlich in eine psychosomatische Fachklinik am Chiemsee. „Lokführer können unvorhergesehen mit sehr schwer zu verarbeitenden Erlebnissen konfrontiert werden, für die sie sich auch verantwortlich fühlen. Es kann zu vorübergehenden Anpassungsstörungen kommen, oder zu belastenden posttraumatischen Belastungsstörungen,“ so Andreas Bock, stellvertretender Chefarzt der Klinik.


red