Baden-Württemberg: Landes-Offensive zur Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken

Foto: Pixelio / Robin Radegast

Das Land Baden-Württemberg will stillgelegte Bahnstrecken reaktivieren und dabei ländliche Regionen besser an die Schiene anbinden. Am heutigen Dienstag wurden eine landesweite Potenzialanalyse und neue Fördermöglichkeiten vorgestellt.

Information des Verkehrsministeriums Baden-Württemberg

„Viele stillgelegte Bahnstrecken in Baden-Württemberg haben ein großes Fahrgastpotenzial. Das ist die Hauptbotschaft einer neuen Untersuchung“, sagte Verkehrsminister Winfried Hermann bei der Vorstellung einer vergleichenden landesweiten Potenzialuntersuchung am Dienstag (3. November). Dazu wurden verschiedene kommunale und regionale Akteure sowie teilnehmende Verkehrsver­bünde und Eisenbahnunternehmen zu einer Online-Veranstaltung eingeladen. Die Untersuchung zeigt, welche Bahnstrecken bzw. -korridore von einer Reaktivierung am meisten profitieren könnten. Zudem wurden mit neuen attraktiven Fördermöglichkeiten die Eckpunkte des Reaktivierungs­konzepts des Landes vorgestellt.

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„In vielen der stillgelegten Bahnstrecken steckt ein beträchtliches Potenzial. Das wollen wir heben“, sagte Minister Hermann und fügte hinzu: „Lassen Sie uns gemeinsam eine neue Reaktivierungs­offensive starten und dafür sorgen, dass viele Städte und Gemeinden wieder an die Schiene angebunden werden – in den Verdichtungsräumen aber auch im ländlichen Raum.“ Viele Strecken tragen auch zur Stärkung einer Region und der Wirtschaft gerade in ländlich geprägten Räumen bei. Die Reaktivierungsoffensive ist ein wichtiger Beitrag zur Verkehrswende und zum Klimaschutz.

Großes Fahrgastpotenzial auf vielen Strecken

Insgesamt 42 stillgelegte Strecken im Land wurden durch das vergleichende Gutachten auf ihr Fahrgastpotenzial untersucht. Auf Grundlage des zu erwartenden Fahrgastaufkommens wurden die Strecken in vier Kategorien eingeteilt (siehe Anlage). Ein sehr hohes Nachfragepotenzial von mehr als 1.500 Fahrgästen pro Schultag ist auf zwölf der untersuchten Strecken bzw. Schienenkorridoren zu erwarten, darunter die Echaztalbahn zwischen Reutlingen und Engstingen, die Bottwartalbahn zwischen Marbach (Neckar) und Heilbronn, die Markgröninger Bahn zwischen Ludwigsburg und Markgröningen und die Strecke Göppingen – Bad Boll – Kirchheim/Teck.

Ein hohes Fahrgastaufkommen von 750 bis 1.500 Fahrgästen pro Schultag wird auf insgesamt zehn Strecken erwartet, darunter die Strecke Balingen – Rottweil, die Wehratalbahn zwischen Schopfheim und Bad Säckingen, die Kochertalbahn zwischen Waldenburg und Künzelsau, die Zabergäubahn zwischen Lauffen (Neckar) und Zaberfeld und die Ablachtalbahn zwischen Mengen und Stockach. Bei weiteren zehn Strecken ist ein mittleres Fahrgastaufkommen von 500 bis 750 Fahrgästen je Schultag zu erwarten, darunter die Krebsbachtalbahn zwischen Neckarbischofsheim und Hüffenhardt sowie die Kandertalbahn in Südbaden zwischen Haltingen und Kandern. Durch vertiefte Untersuchungen ist hier zu klären, ob ein höheres Nachfragepotenzial möglich ist. Dies kann im Rahmen einer Machbarkeitsstudie belegt werden.

Für zehn Bahnstrecken mit weniger als 500 Fahrgästen je Schultag kommt das Gutachten zu dem Schluss, dass für ein tägliches Angebot im Stundentakt nach den vorliegenden Kenntnissen nicht genügend Fahrgäste erwartet werden. Hier kann im Einzelfall geprüft werden, ob die Strecken für ein verringertes Angebot, zum Beispiel für den Freizeit- und Museumsbahnverkehr geeignet sind.

Sehr hohes Nachfragepotenzial

      • A01 Reutlingen Hbf – Engstingen (Echaztalbahn)
      • A02 Marbach (Neckar) – Heilbronn (Bottwartalbahn)
      • A03 Reutlingen Hbf – Nehren Süd (Somaschell)
      • A04 Stuttgart-Untertürkheim – Kornwestheim Pbf (Schusterbahn)
      • A05 Breisach – Colmar
      • A06 Ludwigsburg – Markgröningen (Markgröninger Bahn)
      • A07 Ettlingen West – Ettlingen Erbprinz (Albtalbahn)
      • A08 Weil der Stadt – Calw (Hermann-Hesse-Bahn)
      • A09 Göppingen – Schwäbisch Gmünd (Hohenstaufenbahn)
      • A10 Göppingen – Bad Boll (Voralbbahn)
      • A11 Göppingen – Kircheim (Teck)
      • A12 Filderstadt – Neuhausen (Filder) (Filderbahn)

Hohes Nachfragepotenzial

      • B01 Balingen (Württ) – Schömberg (b Balingen) – Rottweil (Zollern-Alb-Bahn 3)
      • B02 Schopfheim – Bad Säckingen (Wehratalbahn)
      • B03 Karlsruhe-Neureut – Karlsruhe-Mühlburg (Hardtbahn)
      • B04 Graben-Neudorf – Hochstetten (Hardtbahn)
      • B05 Singen (Hohentwiel) – Etzwilen TG
      • B06 Waldenburg (Württ) – Künzelsau (Kochertalbahn)
      • B07 Lauffen (Neckar) – Zaberfeld (Zabergäubahn)+
      • B08 Sigmaringen/Mengen – Krauchenwies – Stockach (Ablachtalbahn)
      • B09 Mengen – Krauchenwies – Stockach (Ablachtalbahn)
      • B10 Albstadt-Ebingen – Albstadt-Onstmettingen (Talgangbahn)

Mittleres Nachfragepotenzial

      • C01 Neckarbischofsheim Nord – Obergimpern – Hüffenhardt/Bad Rappenau (Krebsbachtalbahn)
      • C02 Haltingen – Kandern (Kandertalbahn)
      • C03 Engstingen – Gammertingen (Schwäbische-Alb-Bahn)
      • C04 Heimerdingen – Weißach (Strohgäubahn)
      • C05 Kirchheim (Teck) – Weilheim (Teck) (Kleine Teckbahn)
      • C06 Engstingen – Münsingen – Schelklingen (Schwäbische-Alb-Bahn)
      • C07 Lauchringen – Stühlingen (Wutachtalbahn)
      • C08 Eyach – Hechingen Landesbahn (Zollern-Alb-Bahn 4)
      • C09 Rastatt – Haguenau
      • C10 Neckarbischofsheim Nord – Obergimpern – Hüffenhardt (Krebsbachtalbahn)

Gelegenheitsverkehr und touristischer Verkehr prüfen

      • D01 Altshausen – Pfullendorf (Räuberbahn)
      • D02 Leutkirch – Isny
      • D03 Balingen (Württ) – Schömberg (b Balingen) (Zollern-Alb-Bahn 3)
      • D04 Roßberg – Bad Wurzach (Roßbergbahn)
      • D05 Bühl (Baden) – Stollhofen
      • D06 Hintschingen – Blumberg-Zollhaus (Aitrachtalbahn)
      • D07 Amstetten (Württ) – Gerstetten (Lokalbahn)
      • D08 Maulbronn West – Maulbronn Stadt (Klosterstadt-Bahn)
      • D09 Rudersberg-Oberndorf – Welzheim (Wieslauftalbahn)
      • D10 Blaufelden – Langenburg

Förderung für Reaktivierungsvorhaben und Übernahme der Betriebskosten

Minister Hermann betonte, dass die Rahmenbedingungen für neue Reaktivierungsvorhaben so günstig sind wie noch nie und er ermutigte die im Livestream versammelten kommunalen und regionalen Vertreterinnen und Vertreter, jetzt zügig konkrete Planungen voranzutreiben: „Der Bund fördert die Baukosten für Reaktivierungsvorhaben neuerdings mit bis zu 90 Prozent. Das Land beteiligt sich zudem an den verbleibenden Kosten, so dass im Ergebnis Streckenreaktivierungen mit bis zu 96 Prozent der Baukosten gefördert werden können.“ Doch damit nicht genug: „Damit die Vorhaben möglichst schnell durch die kommunalen Akteure geplant werden, wird das Land noch von diesem Jahr an bis Ende 2023 Machbarkeitsstudien zu Reaktivierungsvorhaben mit 75 Prozent fördern. Wichtig ist, dass die Akteure vor Ort sich möglichst frühzeitig auf ein gemeinsames Vorgehen abstimmen und die Streckenreaktivierungen vorantreiben.“

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Darüber hinaus kündigte der Verkehrsminister an, dass das Land bei nachfragstarken Strecken grundsätzlich die Bestellung und die Kosten für den Betrieb der reaktivierten Bahnstrecken gemäß dem Landesstandard (mindestens Stundentakt, bei hoher Nachfrage mehr) übernehmen wird. Wird ein Angebot mit mehr Zügen als dem Landesstandard gewünscht, müsste der Teil des Angebots, der über den Landesstandard hinausgeht, kommunal finanziert werden. „Gerade auch um den ländlichen Raum zu stärken, übernimmt das Land bei Strecken mit einem Fahrgastpotenzial von mindestens 750 Fahrgästen je Schultag die Betriebskosten. Und bei Strecken mit einem mittleren Fahrgastpotenzial von 500 bis 750 Fahrgästen je Schultag bieten wir eine anteilige Finanzierung der Betriebskosten in Höhe von 60 Prozent an.“

Die Vergabe der Mittel erfolgt in zeitlicher Reihenfolge der Inbetriebnahmen, sofern ausreichend Mittel vorhanden sind. „Durch diese Regelung besteht ein hoher Anreiz, zügig die notwendigen Planungen schnell in Angriff zu nehmen.“ Minister Hermann motivierte daher die lokalen und regionalen Akteure, jetzt aktiv zu werden: „Die Reaktivierung von Schienenstrecken kann nur gemeinsam gelingen. Die Initiative muss von der kommunalen Ebene kommen. Als Land unterstützen wir die Projekte mit Rat und Tat und auch finanziell.“


red/PM VMBW