Güterbahnverband kritisiert fehlenden Infrastruktur­ausbau zwischen Berlin und Hamburg

(EVN Redaktionsdienst) – Foto: NEE / DB AG / Volker Emersleben | aktualisiert |

Der Chef des Netzwerks Europäischer Eisenbahnen (NEE), Peter Westenberger, hat sich in einem Interview kritisch über den fehlenden Infrastrukturausbau zwischen Berlin und Hamburg im Zusammenhang mit der Einführung des 30-Minuten-Takts für ICE-Züge geäußert.

Gegenüber der Süddeutschen Zeitung sagte Westenberger kürzlich, dass die Umsetzung des ICE-Halbstundentakts „gut gemeint, aber schlecht gemacht“ sei. Nach seiner Ansicht könne von einem echten 30-Minuten-Takt keine Rede sein. Schaue man sich den Fahrplan an, sei das „eher ein Stolpertakt mit unregelmäßigen Abfahrtszeiten.“ Viel schlimmer sei aber, dass die Strecke vor der Angebotsverdichtung nicht für den zusätzlichen Zugverkehr ausgebaut wurde.

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Laut Westenberger hätte man im konkreten Fall mit dem dichteren Takt für die ICEs warten sollen, bis einige kleinere Baumaßnahmen realisiert sind. Denn der langsamere Güter­verkehr müsse jetzt darunter leiden. Wie der 56-Jährige deutlich machte, hätten Analysen eines NEE-Mitgliedsunternehmens gezeigt, dass mit der Verdichtung des ICE-Angebots zwischen Hamburg und Berlin für den Güterverkehr längere Fahrzeiten von durchschnittlich neun Minuten je Zug hinzukämen. Westenberger zufolge seien auch wenige Minuten in der Welt der Logistik entscheidend, vor allem dann, wenn man in direkter Konkurrenz zum Lkw stehe.


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Der letzte Ausbau der Trasse liege bereits gut 16 Jahre zurück, „und eigentlich war das eine Art Notausbau, einige Überhol- und Ausweichgleise wurden sogar verkürzt, der Abzweig in Hagenow nach Schwerin, Rostock und Rügen ist nach wie vor eingleisig.“ Auch Bahnhöfe seien zu klein dimensioniert, sodass Nahverkehrszüge, die dort enden, die Durchfahrtsgleise für den Güterverkehr blockieren. Außerdem würden viele neue Weichen für ein Höchsttempo von nur 60 oder 80 Kilometer pro Stunde ausgelegt. Wären diese Weichen standardmäßig mit Tempo 100 befahrbar, könnten Güterzüge, ohne abzubremsen, vom normalen aufs Gegengleis wechseln und so vom schnelleren Personenzug „fliegend“ überholt werden, betonte der NEE-Chef.

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Hierzulande stünden „Güterzüge mindestens eine Viertelstunde im Überholgleis“ und würden dann beim Wiederanfahren wertvollen und teuren Strom „verbraten“. Für sich genommen seien das alles nur Kleinigkeiten, „in der Summe jedoch beschränken sie die Wettbewerbsfähigkeit der Schiene enorm“, so Westenberger.

Mit der Einführung des Halbstundentakts zwischen Berlin und Hamburg zum 13. Dezember 2020 hatten die Deutsche Bahn und Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) den Start des künftigen Deutschlandtakts angekündigt. Seither setzt die DB im Fernverkehr statt bisher 46 nun täglich 60 ICE-Züge auf der Verbindung ein.