Tarifkonflikt zwischen Bahn und GDL – Vorerst noch kein Lokführerstreik

Claus Weselsky, Bundesvorsitzender der Lokführergewerkschaft GDL | Foto: Imago / Reiner Zensen

Für Bahnkunden bleibt die Reiseplanung schwierig. Zwar gibt es in den nächsten Wochen keinen Arbeitskampf. Doch die Lokführergewerkschaft bleibt auf Streikkurs.

  Aktualisiert | 24. Juni 2021, 11:44 Uhr  

Berlin (evn/dpa/dts) – Fahrgäste der Deutschen Bahn können vorübergehend aufatmen: Bis August müssen sie sich nicht auf einen Streik einstellen. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) will zunächst ihre Mitglieder zu einer Urabstimmung aufrufen, wie der Vorsitzende Claus Weselsky am Donnerstag in Berlin sagte. „Die GDL wird nicht zu Warnstreiks von einigen Stunden oder einem Tag aufrufen. Sie wird zunächst eine Urabstimmung durchführen“, teilte die Gewerkschaft mit. Diese werde am 9. August ausgezählt.

Unmittelbar danach sei aber „mit längeren Arbeitskampfmaßnahmen“ zu rechnen, „wenn die Bahn es nicht fertigbringt, mit einem verbesserten Angebot wieder in den Verhandlungsmodus einzutreten“. Die bisherigen Verhandlungen seien gescheitert. Die Bahn alleine entscheide über die weitere Verfahrensweise, sagte Weselsky. „Die Teppichetage im Bahntower“ sowie der Eigentümer Bund hätten nun „eine lange Zeit zum Nachdenken“, betonte der GDL-Chef. Das Bundesunternehmen habe auf Geheiß des Bundes den Verkehr während der Corona-Pandemie durchgehend aufrecht erhalten. „Wer die Musik bestellt, wird sie auch bezahlen müssen.“

Vor gut zwei Wochen hatte die Gewerkschaft das Scheitern der Tarifverhandlungen erklärt und „Arbeitskampfmaßnahmen“ angekündigt. Dazu zählt nach dem Vokabular neben Warnstreiks und anderen Aktionen auch eine Urabstimmung über reguläre Streiks.

Vor wenigen Tagen noch hatte Weselsky angekündigt, dass die Streiks härter und länger als in der Vergangenheit würden. In den Jahren 2014/2015 hatten GDL-Mitglieder in acht Wellen gestreikt und die Arbeit zunächst stundenweise und nach einer Urabstimmung auch über mehrere Tage niedergelegt.


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Bahn und GDL machen sich gegenseitig für das Scheitern der bisherigen Tarifverhandlungen verantwortlich. Die GDL fordert Lohnerhöhungen wie im öffentlichen Dienst von rund 3,2 Prozent sowie eine deutliche Corona-Prämie im laufenden Jahr. Nach Lesart der Bahn summieren sich die gesamten Forderungen aber auf etwa das Dreifache davon. Das Unternehmen will sich wegen der Pandemie am „Notlagentarifvertrag“ der Flughäfen orientieren, der eine ähnliche Erhöhung um 3,2 Prozent auf einen längeren Zeitraum und spätere Stufenpunkte verteilen würde.

Die Konkurrenzgewerkschaft EVG hatte schon im vergangenen Herbst einen Tarifabschluss unterschrieben. Ab Anfang 2022 erhalten die Beschäftigten 1,5 Prozent mehr Geld – wenig im Vergleich zu Tarifrunden in besseren Zeiten. Dafür sind bis Ende 2023 betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. Die GDL will nun mit Streiks mehr herausholen.

Die Bahn hat die Gewerkschaft wiederholt aufgefordert, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Es lägen fundierte Angebote für mehr Lohn und zusätzlichen Kündigungsschutz auf dem Tisch, zu denen die GDL-Spitze bislang seriöse Verhandlungen verweigert habe, sagte eine Sprecherin am Mittwoch. Die GDL wolle nach den harten Pandemie-Monaten die Aufbruchsstimmung zunichtemachen.

Steigende Buchungszahlen hatten den Staatskonzern gerade auf eine Atempause in der Corona-Krise hoffen lassen. Eine Lücke von mehr als 4 Milliarden Euro habe die Krise allein 2020 gerissen, und bis 2024 rechnet der ohnehin stark verschuldete Konzern mit einem Gesamtschaden von rund 10 Milliarden Euro durch die Pandemie.

Von Seiten der Deutschen Bahn war am Donnerstag eine weitere Schlichtung ins Gespräch gebracht worden. „Der Lösungsweg ist für uns nicht relevant. Wir sind offen auch für eine Schlichtung“, sagte Personalvorstand Martin Seiler. Die Gewerkschaft müsse an den Verhandlungstisch zurückkehren. Ein erfolgloses Schlichtungsverfahren mit der GDL hatte es erst im Herbst gegeben.