Vom Stahlarbeiter zum Lokführer – Neue Chance nach Stellenabbau

Ein Zug des Bahnunternehmens Vlexx | Foto: Vlexx

Zehn frühere Stahlarbeiter haben im Saarland eine neue Perspektive beim Zugunter­nehmen Vlexx gefunden: Nach einer zehnmonatigen Qualifikation sind sie nun als Triebfahrzeugführer unterwegs.

Saarbrücken (dpa) – Es ist eine besondere Freude, die Alexander Brikmann empfindet, wenn er im Führerstand eines Zuges der Vlexx GmbH im Saarland seinen Platz einnimmt. „Natürlich bin ich stolz“, gibt er lächelnd zu. Vor allem darauf, dass sich das monatelange Lernen gelohnt hat: Denn Mitte Mai hat der 40-Jährige erfolgreich seine Qualifikation zum Triebfahrzeugführer abgeschlossen. Der Konstruktionsmechaniker ist einer von insgesamt zehn ehemaligen Mitarbeitern der saarländischen Stahlindustrie, die das geschafft haben.

Für den Familienvater, der 2003 aus Kasachstan ins Saarland kam, bedeutet das mehr als nur einen Job: „In meinem Leben in Deutschland ist das eine Premiere“, sagt er. Denn zum ersten Mal habe er nun eine Arbeit gefunden, die ihm eine Perspektive und Sicherheit gebe: „Ein Festvertrag ohne Befristung“, sagt Brikmann und strahlt.

Immer wieder war er von den Arbeitgebern in der Vergangenheit nur vorübergehend eingestellt worden, hatte als Produktionshelfer und für eine Leihfirma gearbeitet, bevor er 2018 zu Saarstahl nach Neunkirchen kam. „Damals war die Lage noch ok“, blickt er zurück. Erst sei er in Neunkirchen in der Beizanlage eingesetzt worden, dann habe er in Burbach Draht gewalzt. Doch als sein Zweijahresvertrag im April 2020 auslief, zählte auch er zu den Mitarbeitern, die von einem umfangreichen Stellenabbau betroffen waren.

Lars Desgranges, Erster Bevollmächtigter der Gewerkschaft IG Metall Völklingen, schätzt, dass zu der Zeit rund 500 Beschäftigte in befristeten Arbeitsverhältnissen bei der Dillinger Hütte und Saarstahl tätig waren. Und er erinnert sich nicht nur an „große Konflikte mit dem damaligen Vorstand“ um den Arbeitsplatzabbau, sondern auch an einen Erfolg aus Sicht der Mitbestimmung: „Damals haben wir zum ersten Mal eine Transfergesellschaft auch für die befristeten Beschäftigten hinbekommen“, sagt er.

Für Alexander Brikmann ist das auch rückblickend immer noch wie ein kleines Wunder. Auf der Suche nach einem neuen Job habe er irgendwann abends zu seiner Frau gesagt, er wolle sich darum bemühen, Lokführer zu werden. „Und am nächsten Morgen habe ich das Angebot von Vlexx bekommen“, erzählt er rückblickend.

Doch bis er erstmals alleine im Führerstand Platz nehmen und einen Zug allein steuern durfte, musste er zehn Monate lang büffeln. „Vor allem bei der Theorie musste ich mich durchbeißen und viel lernen.“

„Die Ausbildung ist anspruchsvoll“, bestätigt Vlexx-Geschäftsführer Frank Höhler. Zum Theorieunterricht mit zahlreichen Aspekten des Eisenbahnbetriebes wie Fahrzeug- und Streckenkunde kommt der praktische Teil, bei dem die angehenden Triebfahrzeugführer lernen, den Zug mit bis zu 140 Tonnen Gewicht sicher zu fahren. Bis sie zur Prüfung zugelassen werden, müssen die Qualifikanten 320 Fahrstunden absolvieren. Zudem sei physische und psychische Gesundheit zur Ausübung des Berufes Voraussetzung.

„Körperlich ist der Job nicht mehr so anstrengend wie früher“, meint Brikmann. „Aber man muss mit dem Kopf dabei sein, um solch eine große Maschine mit 2700 PS zu fahren. Schließlich sitze ich nicht alleine hier, das ist mir immer bewusst.“ In seinem Zug mit zwei Triebwagen fänden 160 Fahrgäste Platz, hinzu kämen 178 Stehplätze. „Jetzt habe ich viel mehr Verantwortung als früher, als ich im Betrieb geschafft und nur auf mich allein oder ein paar Kollegen aufpassen musste.“

Nicht nur bei der Vlexx GmbH, auch bei der Deutschen Bahn setzt man auf Quereinsteiger. „Die DB macht sehr positive Erfahrungen, da die neuen Kolleginnen und Kollegen sehr motiviert sind, Neues zu erlernen und die Ausbildung erfolgreich abzuschließen“, sagte eine Sprecherin. Neben Stellwerksdienst, Bordservice, Rangieren und Kundenbetreuung steche vor allem der Berufswunsch Lokführer heraus, weil er häufig als Kindheitstraum angegeben werde.

Doch auch die Bahnunternehmen selbst profitieren von den Qualifikationsmaßnahmen. „Das ist ein großes Branchenthema“, sagt Vlexx-Chef Frank Höhler. „Triebfahrzeug- und Lokführer werden händeringend gesucht. Der Markt ist leer gefegt.“ Nach bestandener Prüfung biete Vlexx den Kollegen stets einen unbefristeten Arbeitsvertrag mit branchenüblichen Konditionen an.

Auch wenn Lars Desgranges bedauert, so viele Stahlarbeiter im Saarland verloren zu haben, freut er sich für die Betroffenen, die wieder einen Job gefunden haben: „Im Rückspiegel betrachtet wären wir froh, wenn viele von denen, die gegangen sind, noch da wären, da inzwischen die Konjunktur an Fahrt aufgenommen hat und wieder Personal benötigt wird“, meint er zwar. Aber angesichts der Verkehrs- und Energiewende bedeute es sicherlich ein „Zukunftsprojekt“, für ein Bahnunternehmen arbeiten zu können.