Lokführerstreik trifft Pendler und Fernreisende in allen Bundesländern

Lokführer der Hamburger S-Bahn | Foto: EVN / Jens Rohde

Ein Streik der Lokführergewerkschaft GDL wird an diesem Mittwoch und Donnerstag voraussichtlich zu bundesweit zahlreichen Zugausfällen und Verspätungen führen.

  Aktualisiert | 10. August 2021, 21:38 Uhr  

Berlin/Hamburg/Stuttgart/München (evn/dpa) – Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hat ihre Mitglieder bei der Deutschen Bahn aufgerufen, an beiden Tagen die Arbeit niederzulegen. Betroffen sind neben dem Fernverkehr die Regionalzüge und die S-Bahn. Damit will die GDL den Druck in der laufenden Tarifrunde erhöhen.

Nachdem seit Dienstagabend bereits der Güterverkehr bestreikt wird, sollen ab Mittwoch­morgen um 2.00 Uhr für 48 Stunden bundesweite Arbeitsniederlegungen im Personenverkehr und in der Bahninfrastruktur folgen. 95 Prozent der teilnehmenden GDL-Mitglieder hatten sich in einer Urabstimmung für den Ausstand ausgesprochen.

Im Fernverkehr reduziert die Bahn daher ihr bundesweites Angebot für Mittwoch und Donnerstag auf ein Viertel. „Ziel ist es, während des Streiks auf ausgewählten Hauptachsen ein zweistündliches Angebot zuverlässig aufrechtzuerhalten.“ Priorität haben demnach die besonders stark genutzten Strecken zwischen Berlin und dem Rhein-Ruhr-Gebiet sowie zwischen Hamburg und Frankfurt. Wo möglich, würden besonders lange ICE-Züge eingesetzt. Gegenüber den Fahrgästen wolle man sich kulant zeigen, die Fahrkarten länger gelten lassen oder erstatten. Im Regionalverkehr werde das ebenfalls sehr eingeschränkte Angebot regional sehr stark schwanken.


Osten

Kommunale Verkehrsbetriebe sind nicht betroffen, auch nicht die Berliner Verkehrsbetriebe. U-Bahnen, Straßenbahnen und Busse in der Hauptstadt fahren, dürften aber deutlich voller sein als üblich. Man fahre wegen der Corona-Pandemie schon mit vollem Einsatz, sagte Betriebschef Rolf Erfurt. „Eine zusätzliche Verstärkung einzelner Linien mit mehr Fahrzeugen ist – auch aufgrund der sehr kurzen Vorwarnzeit – nicht möglich.“

Nicht bestreikt werden auch Konkurrenten der Bahn wie der Fernzuganbieter Flixtrain und regionale Konkurrenten wie die Ostdeutsche Eisenbahn (ODEG) und die Niederbarnimer Eisenbahn (NEB). „Beeinträchtigungen können jedoch nicht komplett ausgeschlossen werden, falls auch die Infrastruktur der DB bestreikt werden soll“, teilte die NEB mit. Auch die ODEG hält Einschränkungen im Betriebsablauf sowie vollere Züge für möglich.

In Sachsen werden voraussichtlich zahlreiche S-Bahnen von dem Streik betroffen sein. Von und nach Leipzig verkehren die S2 bis S5 nach einem Ersatzfahrplan mit deutlich geringerer Taktung, in Dresden die S1 und S3. Ein Ersatzverkehr mit Bussen wird nach Angaben der Bahn nicht gestellt.

Nordwesten

Ebenfalls auf erhebliche Behinderungen müssen sich Fahrgäste im Nordwesten einstellen: „Wir gehen davon aus, dass nur wenige Züge fahren – bei der S-Bahn und bei den Regional­zügen wie auch im Fernverkehr“, hieß es am Dienstagnachmittag aus der Leitung des Bezirks Nord der GDL. Die Deutsche Bahn wolle „alles dafür tun“, um die Einschränkungen für Fahr­gäste „so gering wie möglich zu halten“, sagte ein Bahnsprecher gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Ziel sei es, ein Ersatzangebot bereitzustellen. „Auf allen Strecken des S-Bahn-Netzes wollen wir jeweils mit den Linien S1, S21 und S3 einen 20-Minuten-Takt anbieten“, sagte der Sprecher. Die Linien S31 und die Verstärkerlinien S2 und S11 müssten jedoch ausfallen. Ab Freitag rechnet die Bahn erst gegen Mittag wieder mit einer Normalisierung des S-Bahnverkehrs, „weil zum Beispiel Rangierfahrten in der Nacht zum Freitag nicht stattfinden können“. Vor der Corona-Pandemie zählte die S-Bahn Hamburg täglich etwa 750.000 Fahrgäste.

Nicht von dem Streik betroffen sind die U-Bahnen, Busse und die AKN-Bahn. Auch die Metronom-, Enno- und Erixx-Züge fahren den Angaben zufolge weitgehend planmäßig. Das Unternehmen Metronom wies aber darauf hin, dass es zu Einschränkungen kommen könne, „sollten sich die Mitarbeiter auf den Stellwerken der DB, den DB-Leitstellen, Bahnhöfen und anderen Einrichtungen der Infrastruktur (…) an dem Streik beteiligen“.

Als wichtige Schnittstelle sowohl für die Ost-West- als auch für die Nord-Süd-Verbindungen in Deutschland gilt Hannover. Bei früheren Bahnstreiks war es um die niedersächsische Landes­hauptstadt mehrmals zu starken Beeinträchtigungen gekommen – teils waren Fahrgäste auch nachts gestrandet und mussten in eigens bereitgestellten Waggons übernachten. So etwas sei bisher nicht geplant, teilte die Bahn zunächst mit. „Wir werden sehen, wie sich die Lage im Laufe des morgigen Tages entwickelt.“ Wer könne, solle seine Reise nach Möglichkeit verschieben. Aber auch der Nahverkehr um größere Städte wie Hannover oder Osnabrück dürfte betroffen sein.

Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) kritisierte die GDL-Entscheidung für die Arbeitsniederlegungen. „Bei allem Respekt für das Streikrecht – wirtschaftlich gesehen kommt dieser Streik zur absoluten Unzeit“, meinte er. Man müsse die Folgen für die Wirtschaft im Blick haben, deren Logistik und Zulieferungen bereits durch die Corona-Krise strapaziert seien: „Für unsere niedersächsischen Unternehmen bringt dieser kurzfristige Streik ernsthafte Probleme mit sich.“ Auch Pendler und Urlauber litten darunter – und weniger, vollere Züge seien in der Pandemie riskant.


Rhein-Main-Gebiet

Nach Angaben des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV) vom Dienstag werden sich die Streiks „aller Voraussicht nach“ auch auf die Regional- und S-Bahn-Linien im Rhein-Main-Gebiet auswirken.

Wie die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) und die Frankfurter Nahverkehrsgesellschaft traffiq mitteilten, sollen deswegen die Kapazitäten auf den U-Bahnlinien der Mainmetropole maximiert werden und diese mit mehr Wagen fahren. Die Linien U1, U2, U3, U6 und U8 werden laut Mitteilung mit Drei-Wagen-Zügen unterwegs sein, die U4 mit vier, die U5 mit zwei und die U7 mit bis zu vier Wagen. Die Verkehrsgesellschaften raten den Fahrgästen, sich kurz vor Fahrtantritt über die Verbindungen zu informieren.

Südwesten

Die Ausfallquote von Zügen werde „recht hoch“ sein, hatte der Vizevorsitzende der Gewerk­schaft im Bezirk Süd-West, Jens-Peter Lück, in Mannheim erklärt. Auch bei der GDL organisierte Fahrdienstleiter seien zum Streik aufgerufen. Wie viele Züge in Baden-Württemberg ausfallen werden, lasse sich nicht genau sagen, fügte Lück hinzu.

Unter anderem der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) kündigte Konsequenzen an. In der Landeshauptstadt versuche die Deutsche Bahn „fast alle S-Bahn-Linien an den Streiktagen im Stundentakt fahren zu lassen“, teilte der VVS mit. Die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft gab für Karlsruhe und Heilbronn bekannt, dass auf vielen Stadtbahnlinien mit Ausfällen zu rechnen sei. Kunden und Kundinnen wird empfohlen, sich vor allem im Internet über die aktuelle Lage zu informieren.

Bayern

Beim Regionalverkehr der Deutschen Bahn in Bayern müssten sich Fahrgäste bis Freitag auf starke Einschränkungen einstellen, wie das Unternehmen mitteilte. Für den Regional- und S-Bahnverkehr werde es Ersatzfahrpläne geben. Ziel sei, ein Grundangebot für Pendler und Schüler und wichtige Zubringer zu Fernverkehrszügen und Flughäfen beizubehalten. Trotzdem sei nicht zu garantieren, dass alle Reisenden wie gewünscht ans Ziel kommen. In München sehe der S-Bahn-Fahrplan einen Stundentakt auf allen Linien vor, sagte eine MVV-Sprecherin.

Im Regionalverkehr sind auf vielen Strecken in Bayern Privatbahnen unterwegs, die von der GDL nicht bestreikt werden. Sie dürften „halbwegs normal fahren“, sagte der stellvertretende Landesvorsitzende des Fahrgastverbandes Pro Bahn, Lukas Iffländer. Aber der Ausfall vieler S-Bahn-Züge werde wohl dazu führen, dass sie voller und weniger pünktlich seien.

Am schwersten werde es wohl Nürnberg treffen, weil im Regionalverkehr nach Stuttgart keine privaten Bahnbetreiber fahren, sagte Iffländer. Die DB warnte, der Regionalverkehr der Westfrankenbahn sei bis Freitag vom Streik „massiv beeinträchtigt“. Bayern habe immerhin den Vorteil, dass die Deutsche Bahn hier noch viele Beamte im Einsatz habe, die nicht streikten, sagte Iffländer.