Bahnexperte: „Bahn wird GDL entgegenkommen müssen, obwohl sie es nicht will“

Bahnexperte Prof. Christian Böttger | Foto: DB AG / Böttger

Die Fronten zwischen der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und der Deutschen Bahn sind verhärtet. Eine Lösung für den aktuellen Tarifkonflikt ist weiterhin nicht in Sicht.

Berlin/Frankfurt (evn) – Glaubt man Bahnexperten, könnte sich der Streit zwischen dem Staatskonzern und der Lokführergewerkschaft noch einige Zeit hinziehen. Und selbst die Bundesregierung in Vertretung ihres Bahn-Beauftragten Enak Ferlemann geht von keiner kurzfristigen Entschärfung aus. Grund sei, so die Sicht des CDU-Politikers, dass es der GDL im Hintergrund auch um politische Ziele gehe. Um Löhne würde es der GDL nur formal gehen, so Ferlemann. Auch mit rein spielt der Machtkampf mit der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG).

Die GDL bestreitet zwar politische Ziele, aber nach Ansicht des Bahnexperten Christian Böttger, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, wären sie nachvollziehbar. „Man muss wissen, dass das DB-Management letztendlich mit der EVG verbündet ist – und gegen die GDL kämpft“, sagte Böttger am Donnerstag im Interview mit dem Fernsehsender Phoenix. Helfen soll dabei demnach auch das Tarifeinheitsgesetz, das auf die Anwendung des Tarifvertrages der mitgliederstärkeren Gewerkschaft abzielt – in den meisten DB-Betrieben wäre dies derzeit die EVG. Damit sollte die GDL laut Böttger in die Ecke gedrängt werden. Der Streit sei daher „auch ein Kampf ums Überleben und um Bedeutung.“

Böttger glaubt, dass die Bahn der GDL im jetzigen Konflikt „keinesfalls“ entgegenkommen will, „weil damit eben deutlich werden würde, dass die EVG nicht gut verhandelt hat für die Mitarbeiter.“ Bahn und EVG hatten im Herbst 2020 eine Lohnerhöhung von 1,5 Prozent ab 2022 beschlossen. Die GDL will hier mehr für ihre Mitglieder erreichen – eine Nullrunde in diesem Jahr, wie bei der EVG, lehnt sie ab.



Die Lokführergewerkschaft fordert eine Lohnsteigerung wie im öffentlichen Dienst von insgesamt 3,2 Prozent in zwei Stufen sowie eine Corona-Prämie von 600 Euro. Die Laufzeit des Tarifvertrages soll 28 Monate betragen. Das letzte Angebot der Bahn umfasst ebenfalls 3,2 Prozent – allerdings mit einer Laufzeit von 40 Monaten und ohne Corona-Prämie.

Der Personalvorstand der Deutschen Bahn, Martin Seiler, forderte am Freitag GDL-Chef Claus Weselsky erneut dazu auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Die streitbare Gewerk­schaft wiederum wartet auf ein besseres Angebot der Gegenseite. Weselsky hat für den kommenden Dienstag eine Protestkundgebung seiner Gewerkschaft vor dem Bahntower in Berlin angekündigt. Danach könnte bereits zügig ein neuerlicher Streik folgen.

Auch wenn aktuell beide Seiten auf ihre Positionen beharren, sich gegenseitige Falsch­infor­mationen vorwerfen und teilweise stur stellen, schätzt Bahnexperte Böttger die Optionen für die Bahn als eher schlecht ein. Letztendlich werde der Staatskonzern auf die GDL zugehen müssen, erläuterte er gegenüber Phoenix. Auch, weil die Gewerkschaft aus seiner Sicht eine „zu gut“ organisierte Streikmobilisierung hat und große Teile des Bahnbetriebs damit lahm­legen kann. Bei der letzten Tarifauseinandersetzung zwischen Bahn und GDL in den Jahren 2014 und 2015 brauchte es acht Streikwellen, bis sich der DB-Konzern mit den Lokführern im Rahmen einer Schlichtung einigte.