Streikausweitung: Lokführer lassen erneut Personenzüge stehen – deutliche Auswirkungen auch im Güterverkehr

Begegnung bei Nienburg: DB Cargo mit Ellok Baureihe 187 begegnet einem ICE 1 | Foto: DB AG / Wolfgang Klee

Die Lokführergewerkschaft GDL bestreikt von Montag- bis Mittwochmorgen erneut den Personenverkehr. Zuvor traten bereits am Samstag die Lokführer im Güterverkehr von DB Cargo in den Ausstand.

  Aktualisiert | 23. August 2021, 04.15 Uhr  

BERLIN | Der Versuch des Konzernvorstands der Deutschen Bahn, der streikerprobten GDL einen kleinen Schritt entgegenzukommen, ist am Sonntag gescheitert. Die Bahnspitze hatte sich bereiterklärt, über eine Corona-Prämie für die Beschäftigten zu verhandeln. Die Gewerkschaft erteilte dem Staatsunternehmen jedoch eine Abfuhr, den Streik in letzter Sekunde noch abzuwenden. Die GDL sieht in der Offerte ein „Scheinangebot“ und weitet ihren Streik wie geplant aus.

Zum zweiten Mal in diesem Monat müssen Fahrgäste der Deutschen Bahn daher an diesem Montag und Dienstag einen Arbeitskampf aushalten. Die Lokführergewerkschaft erhöht damit den Druck auf die Führungsetage der Bahn. Neben den Lokführern im Personenverkehr sind nun auch Fahrdienstleiter in den Stellwerken sowie Zugbegleiter aufgerufen, ihre Arbeit nieder zu legen.

Laut DB-Angaben soll trotz des Streiks rund ein Viertel des normalen Fahrplans im Fernverkehr bedient werden. Im Regional- und S-Bahnverkehr peilt sie im Schnitt etwa 40 Prozent des Zugangebots an. Wieder dürfte der Osten stärker betroffen sein als der Westen. Auch die S-Bahnen der DB werden bestreikt. Für Mittwoch rechnet die Bahn wieder mit einem weitgehend normalen Ablauf.

Bahn-Personalvorstand Martin Seiler hatte am Sonntagnachmittag noch einmal an die GDL appelliert, die Verhandlungen wieder aufzunehmen. „Wir kommen nicht mit leeren Händen an den Verhandlungstisch.“ Die Bahn sei bereit, zusätzlich über eine Corona-Prämie in diesem Jahr zu verhandeln. „Jetzt ist die GDL am Zug, darauf zu reagieren und das Streiken dann auch in der Form sein zu lassen.“

Doch die GDL ließ sich nicht bewegen und warf der Bahn vor, zu tricksen und zu täuschen. Gewerkschaftschef Claus Weselsky forderte ein konkretes Angebot, „nicht das ‚In-Aussicht-Stellen‘ eines Angebots“. In Wahrheit habe sich der Bahnvorstand keinen Millimeter bewegt. „Beim vorliegenden Angebot handelt es sich nur um eine weitere Nebelkerze und den erneuten Versuch, die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen.“

Die GDL hatte unter anderem eine Corona-Prämie von 600 Euro gefordert. Zudem geht es der Gewerkschaft unter anderem um 3,2 Prozent mehr Lohn und den Schutz der Betriebsrenten. Der Bahnkonzern hatte zwar ebenfalls 3,2 Prozent angeboten, die Erhöhung soll hier aber erst später greifen. Auch bei der Laufzeit des Tarifvertrags liegen die Vorstellungen beider Seiten noch deutlich auseinander.

Der Streik im Güterverkehr lief nach Bahnangaben ruhig an; am Wochenende ist der Verkehr dort nach Unternehmensangaben üblicherweise relativ gering. Erst im Laufe des Sonntags habe der Rückstau die Rangieranlagen erreicht. Wenn am Montag die Industrieproduktion bundesweit hochgefahren werde, sei mit deutlicheren Beeinträchtigungen und Verspätungen der Cargo-Züge zu rechnen, teilte die Bahn mit.

„System- und versorgungsrelevante Züge werden weiterhin vom zentralen Arbeitsstab der DB Cargo priorisiert und gelangen bislang – auch mit Hilfe unserer Partnerbahnen – an ihr Ziel.“ Mehr als die Hälfte der Güter auf der Schiene werde nicht von der Deutschen Bahn transportiert.

Der Streik im Güterverkehr verschärft aus Sicht des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) die Engpässe in der Industrie weiter. „Das dürften früher oder später auch die Verbraucher spüren, etwa beim Bau oder dem Autokauf“, sagte der BME-Logistikexperte Carsten Knauer der Deutschen Presse-Agentur. Schon jetzt machten etwa der Chipmangel oder Materialengpässe wie beim Holz auf dem Bau den jeweiligen Branchen zu schaffen. Mit dem Streik käme für die Sektoren, die bei ihren Lieferketten vor allem auf die Schiene setzten, ein weiteres Problem hinzu.

Dazu gehört laut Knauer neben der Autoindustrie auch die Stahl- und Chemieindustrie. Transportalternativen etwa bei der Bahn-Konkurrenz auf der Schiene oder auch auf der Straße gebe es kaum. „Jeder Verkehrsträger ist total überbucht und die Preise gehen durch die Decke“, sagte Knauer. „Es ist aktuell kurzfristig so gut wie unmöglich, Verkehre auf die Straße zu verlagern.“

Bereits am 11. und 12. August hatte die GDL den Zugverkehr in einer ersten Streikrunde größtenteils lahmgelegt. Die Situation zwischen beiden Seiten ist seit Wochen verhärtet, eine wirkliche Lösung ist nicht in Sicht.


Quelle: EVN / dpa