„Ein paar Stunden zum Arbeiten“ – Bahn baut nachts im Schwarzwald

Eine Gleisbaustelle bei Nacht | Foto: DB AG / Patrick Kuschfeld

Funken sprühen in der Nacht: Mitten in der Feriensaison werden in einem Schwarz­waldtal Schienen ausgewechselt. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit – denn am Morgen fahren wieder Züge.

WOLFACH | Ein helles Bimmeln, ein flackerndes rotes Licht – im Schwarzwald gibt es noch unbeschrankte Bahnübergänge. Ein Zug rast durch die Nacht, in Richtung Freudenstadt. Es ist der letzte an diesem Abend. Dann kehrt Ruhe ein. In einem einsamen Gehöft brennt noch Licht, ein Hund bellt. Es ist kurz vor Mitternacht.

Unweit des Übergangs bei Wolfach warten Gleisbauer der Deutschen Bahn in orangener Arbeitsmontur auf einem Parkplatz. „Jetzt kann es losgehen“, sagt einer. Bis 05.25 Uhr herrscht auf der Strecke zwischen Hausach und Schiltach Betriebsruhe. Die traditionsreiche Kinzigtalbahn wird für Touristen angepriesen, es gebe idyllische Schwarzwaldlandschaften mit schmucken Dörfern und Städten zu entdecken. Das Tal in der Ferienregion sei landschaftlich einzigartig, Orte an der Strecke seien „Juwelen“. In der Nacht ist davon aber kaum etwas zu sehen. „Schön hier, aber dunkel“, lautet denn auch der launige Kommentar aus dem Bautrupp.

Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt: „Es gibt ein paar Stunden zum Arbeiten“, erzählt Renate Hamilton von der Sicherungsaufsicht der Bahn. Sie trägt eine gelbe Weste und hat einen Plan dabei, der alle Details der Baustelle auf der Strecke mit der internen Bezeichnung 4251 auflistet. Dazu gehören auch die Uhrzeiten für die Pausen, in denen keine regulären Züge verkehren. „In der Zeit muss es klappen, und dafür ziehen alle an einem Strang“, meint die resolute Aufseherin, die ihren Job schon seit Jahrzehnten macht.

Punkt Mitternacht nähert sich dann ein langgestrecktes Gleisarbeitsfahrzeug, das aus dem rund 50 Kilometer entfernten Offenburg kommt. Die Frontscheinwerfer erleuchten die Gleise. Unweit des Übergangs wird der sogenannte Arbeitszug entladen. Rufe wie „Vorsicht“ oder „Achtung Schiene“ schallen durch die Nacht. Das Gelände ist abschüssig, wer auf den Schottersteinen ausrutscht, landet im dornigen Brombeergestrüpp. Im Hintergrund rauscht der Fluss Kinzig.

Bald sprühen die ersten Funken – Arbeiter mit Stirnlampen sägen mit einem lauten Trennschleifer ein Schienenteil heraus. Eine neue Schiene wird eingesetzt, an den Enden muss jeweils eine Lücke von 2,5 Zentimetern bleiben. „Schienen rausrupfen, Schienen reinrupfen, das ist nicht alles“, meint ein Gleisbauer im singenden badischen Tonfall. „Es muss auch noch geschweißt werden.“ Männer setzen Formen an und montieren einen eimerförmigen Behälter auf die Verbindungsstelle. Der Mini-Hochofen wird auch schlicht Wunderkerze genannt und enthält Stahlanteile oder Magnesium. Eine Flamme steigt auf und erhellt die Gesichter der Bauarbeiter.

„Das kocht ganz schön“, kommentiert Mike Korell die Erhitzung auf rund 2000 Grad. Der 33-Jährige hat das Reparaturfahrzeug aus Offenburg gesteuert. Es läuft nun flüssiger Stahl in die Formen und kühlt dann ab. Später werden Schweißreste entfernt – zuletzt gibt es einen Endschliff, damit der Übergang von der alten zur neuen Schiene eine ebene Fläche bildet. Das Auswechseln muss in zwei bis zweieinhalb Stunden erledigt sein. In den frühen Morgen­stunden wird mehrere Hundert Meter entfernt ein weiteres Schienenteil gewechselt.

„Wir arbeiten oft nachts, weil wir Sperrpausen nutzen können“, erzählt Gleisbauexperte Korell. Ziel sei es, Fahrgäste und Fahrplan so wenig wie möglich zu beeinträchtigen. Bei Baustellen am Tage müssten Busse fahren, um Reisende ans Ziel zu bringen. „Ich mache gerne Nachtarbeit“, resümiert er. „Das sind spannendere Arbeiten als tagsüber. Bei uns in der Truppe machen es alle gerne. Klar gibt es auch Kolleginnen und Kollegen, die es nicht so mögen. Wir haben immer zu tun, Arbeit gibt es genug.“

Korell und Kollegen der DB Netz reparieren Schienen, die beispielsweise durch Schmutz auf der Fahrfläche beschädigt wurden. Der Bau kompletter Gleisanlagen wird hingegen an Baufirmen vergeben. Von den Streiks der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), die Fahrgästen der Bahn bereits massive Zugausfälle bescherten, sind die Gleisbauer nicht betroffen.

Im Kinzigtal wird deutlich, dass die Instandsetzung einer eingleisigen Strecke in einer lauen Sommernacht zu den Einsätzen gehört, die bei Mitarbeitern geschätzter sind als andere: kein Regen, keine schlechte Sicht, keine vorbeifahrenden Züge – und deshalb weniger Gefahr.

„Wir dürfen keinen Fehler machen und passen auf, damit die Kollegen arbeiten können“, erzählt Bianca Pusmentirer, die mit ihrer Kollegin Renate Hamilton eisern und über Stunden hinweg über die Sicherheit wacht. „Das ist eine große Verantwortung. Ein Schritt zu weit kann schon gefährlich sein.“ Mit der Nachtarbeit habe sie kein Problem, fügt die zierliche Frau hinzu. „Mein Mann ist Lokführer.“


Quelle: dpa