Wenn der Fahrplan zum Spaghettisalat wird – GDL-Streik sorgt für Stress in den Leitstellen

Disponent in einer Leitstelle der Deutschen Bahn (Archiv) | Foto: DB AG

Der Streik der Lokführer torpediert die Dienstpläne der Bahn. Die Mitarbeiter in den Leitzentralen müssen umdisponieren – rund um die Uhr, ständig aufs Neue.

FRANKFURT AM MAIN | Wenn die Bahn bestreikt wird, herrscht in den Leitzentralen Hochbetrieb. Umstellt von Bildschirmen und Schautafeln versuchen die Disponenten, den Verkehr aufrechtzuerhalten. Es ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten: Erst bei Schichtbeginn wissen die Mitarbeiter, wer zum Dienst erschienen ist und wer nicht.

Die Leitzentrale der S-Bahnen Rhein-Main in Frankfurt ist für rund 600 Lokführer zuständig, 235 Schichten pro Tag werden im Normalbetrieb gefahren, auf rund 1000 Fahrten mehr als eine halbe Million Fahrgäste transportiert. Die Leitstelle – untergebracht in Containern in einer Wartungshalle für Züge – arbeitet rund um die Uhr. Die Mitarbeiter kümmern sich im Normalbetrieb um langfristige Dienstpläne und kurzfristige Umbesetzungen beim Personal, um Instandhaltung und Reparaturen bei den Fahrzeugen.

Verkehrsdisponent Sebastian Laue blickt auf acht Bildschirme voller Grafiken, Tabellen und Listen. Er sieht, wo Züge stehen, fahren, fehlen, hinter ihm ein Linien-Wirrwarr auf Papier. „Das ist der Spaghettisalat“, sagt Markus Rohrmüller, der Leiter der Leitstelle. Er zeigt, wie die Linien ineinandergreifen: Wenn oben, also jetzt, ein Zug ausfällt, hat das unten, also später am Tag, Folgen.

Das Ziel sei, den Bahnkunden trotz Streiks ein „stabiles Angebot“ zu machen, sagt Michael Gödde, Geschäftsleiter Produktion bei der S-Bahn Rhein-Main. Im Rhein-Main-Gebiet heißt das zum Beispiel, dass die S-Bahnen auf den Hauptstrecken zumindest im Stundentakt fahren. Manche S-Bahnen werden durch Regionalzüge ersetzt, in den Außenbezirken werden Busse eingesetzt.


Wer nicht streikt, muss flexibel sein: eine andere Linie bedienen, eine andere Schicht übernehmen, Teilstrecken aneinander stückeln, mit dem Taxi zu einem neuen Einsatzort fahren. „Alles, was fahren kann, fährt“, sagt Gödde, der als Chef in Streikzeiten auch selbst hinterm Steuer sitzt. „Das Grundproblem ist, dass wir erst zu Schichtbeginn wissen, ob der Mitarbeiter da ist oder nicht.“

Das tägliche Puzzle-Spiel in der Leitzentrale hat schon vor Streikbeginn am Donnerstag 2.00 Uhr begonnen und wird mit dem voraussichtlichen Streikende in der Nacht zum Dienstag nicht vorbei sein. Jede „Großstörung“ ziehe einen Rattenschwanz an Organisation nach sich, sagt Leitstellen-Leiter Rohrmüller: „Wie wenn einem jemand jeden Morgen alle Schubladen raus zieht und den Inhalt auf dem Tisch kippt.“

Die Lokführergewerkschaft GDL kämpft um mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen für ihre Mitglieder. Mit dem Streik will die GDL ihren Forderungen nach insgesamt 3,2 Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von 28 Monaten sowie einer Corona-Prämie von 600 Euro mehr Nachdruck verleihen. Die Deutsche Bahn hatte ursprünglich eine deutlich längere Laufzeit von rund 40 Monaten angestrebt. Mit dem neuen Angebot hat sie nun 36 Monate in Aussicht gestellt sowie eine Corona-Prämie von bis zu 600 Euro.

Die Deutsche Bahn hat angekündigt, bundesweit rund jeden vierten Fernverkehrszug fahren zu lassen. Im Regional- und S-Bahnverkehr soll rund 40 Prozent des sonst üblichen Angebots Bestand haben. Das Arbeitsgericht Frankfurt lehnte am Donnerstagabend einen Eilantrag der Bahn ab, mit dem sie den Streik stoppen lassen wollte. Der Konzern legt Berufung beim Landesarbeitsgericht ein. Eine Entscheidung darüber soll am Freitag fallen.


Quelle: dpa