Sonderwünsche im Bahnstreik: Wie die Bahn den Zugverkehr koordiniert

Mitarbeiter der Deutschen Bahn am Berliner Hauptbahnhof | Foto: DB AG / Dominic Dupont

Die Betriebszentralen der Bahn koordinieren den Zugverkehr in Deutsch­land. Während des Streiks müssen sie sich zwar um weniger Störungen kümmern – dafür kommen zahlreiche Sonderwünsche von den Eisenbahnunternehmen.

BERLIN | Bei den Zugkoordinatoren der Deutschen Bahn für den Großraum Berlin geht an diesem Vormittag ein Anruf ein: Es geht um Zug 838. Wie an jedem Wochentag soll der ICE-Sprinter um 14.54 Uhr von Berlin-Gesundbrunnen nach Frankfurt/Main fahren. Auch mitten im Streik der Lokführergewerkschaft GDL. Weil während des Arbeitskampfs der Gewerkschaft nur jeder dritte Fernzug überhaupt fährt, ist die Nachfrage bei den Bahnkunden hoch. Die Kollegen im Fernverkehr wollen deshalb einen zweiten Zug anhängen und das Sitzplatzangebot von ICE 838 verdoppeln.

In der Betriebszentrale der Bahn in Berlin-Pankow müssen sie nun schauen, ob das geht. Sind die vorgesehenen Gleise in den jeweiligen Bahnhöfen noch lang genug, oder steht ein Gleiswechsel an? Wie sieht es auf der Strecke aus? Zu zweit sitzen die Zugkoordinatoren in der Mitte eines großen abgedunkelten Raums vor ihren Bildschirmwänden. Die Monitore zeigen Gleisnetze, Fahrplandiagramme, Verspätungen, Streckenstörungen. Für Laien ist es ein unübersichtliches Chaos aus bunten Linien und Buchstaben.

In dem 400 bis 500 Quadratmeter großen Raum stehen zahlreiche weitere solcher Monitor-Inseln mit Dutzenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie stellen von dort aus Weichen und Signale und behalten Störungen im Blick. Fünf solcher Räume gehören zur Betriebszentrale Berlin. Jeder davon ist für einen anderen Abschnitt in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zuständig.


„Wir haben hier 5.400 Kilometer Gleis im Blick und koordinieren an normalen Tagen 4.700 Züge“, sagt Erik Hinke, Leiter Netzdisposition bei der Bahn-Tochter DB Netz, zu der die Betriebszentralen gehören. Bundesweit gibt es acht von ihnen.

Im Streik müssen sie ihre Arbeitsroutine umstellen: „Einerseits geht die Last zurück, weil weniger Züge unterwegs sind und weniger Störungen auftreten“, sagt Hinke. „Gleichzeitig kommen aber auch neue und oft kurzfristige Wünsche dazu: Zusätzliche Züge etwa oder weitere Haltestellen auf einer bestimmten Linie.“ Oder eben längere Züge wie bei ICE 838.

Solche Streik-Sonderwünsche werden von den Bahn-Verkehrsunternehmen wie der DB Fernverkehr angemeldet. Ihre Verkehrsleitstelle für die Region Ost/Südost sitzt im selben Gebäude wie die Betriebszentrale. „Zwar haben wir im Streik weniger Züge im Einsatz“, sagt Verkehrsleiter Martin Friebe. „Aber der Aufwand pro Zug ist gestiegen.“

Freie Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter müssten gefunden werden sowie Lokführerinnen und Lokführer. Außerdem müsse entschieden werden, ob ein bestimmter Zug mehr Halte als sonst ansteuern soll, um die Anbindung zu verbessern. „Wir versuchen jeden Tag, zuverlässig ein Grundangebot zu fahren. Und dann legen wir eine Schippe drauf, wenn es die Kapazitäten erlauben“, sagt Friebe.

30 Prozent des sonst üblichen Angebots will die Bahn während des Streiks im Fernverkehr aufrecht erhalten. 40 Prozent sind es im Regional- und S-Bahnverkehr. Die GDL hatte angekündigt, den Streik bis Dienstagmorgen durchzuziehen. Das Landesarbeitsgericht gab am Freitag auch juristisch grünes Licht und wies in zweiter Instanz eine Einstweilige Verfügung des Bahn-Konzerns gegen den Arbeitskampf ab. Die Ausnahmesituation für die Betriebszentralen sowie für die Fahrgäste dürfte also auch über das Wochenende anhalten.

Für Zug 838 hatten die Zugkoordinatoren in Berlin schließlich eine gute Nachricht: Der doppelt so lange ICE durfte wie geplant fahren – pünktlich um 14.54 Uhr. Für hunderttausende vom Streik betroffene Reisende dürfte das allerdings nur ein schwacher Trost sein.


Quelle: EVN / dpa