15 Jahre Transrapid-Unglück: Mit Tempo 170 in die Katastrophe

Transrapid auf der Versuchsstrecke im Emsland (Archiv) | Foto: Pixelio

Der 22. September 2006 war ein rabenschwarzer Tag für 23 Familien und eine ganze Region. Damals verunglückte der für absolut sicher gehaltene Transrapid auf der Versuchsstrecke im Emsland.

LATHEN | Hier, an der Stütze 120, deutet nichts mehr auf die Katastrophe hin. Am 22. September 2006 krachte mit Tempo 170 ein Transrapid in einen tonnenschweren Werkstattwagen und schob ihn einen halben Kilometer weiter nach vorn. 23 Menschen starben in dem Inferno. Heute sind die Spuren des Unfalls an dieser Stelle beseitigt.

Dort, wo die Überlebenden und die Toten geborgen wurden, an der Stütze 134, stehen Kreuze und Blumen. Familienangehörige, Freunde und Kollegen der Getöteten haben in einem Schaukasten Fotos, Traueranzeigen, Gebete und von Kindern gemalte Bilder hineingehängt. Etwa einen Kilometer weiter südlich, gegenüber dem früheren Besucherzentrum, hat die offizielle Gedenkstätte für die Opfer des Unglücks ihren Platz gefunden: Zwei grob behauene Steine, in deren Mitte sich eine Metallplatte mit 23 Kreuzen befindet.

In den Köpfen der Hinterbliebenen und der Lathener ist das Unglück immer noch präsent. Der Blick in den Schaukasten verrät, wie Kinder, Eltern, Geschwister, Kollegen und Freunde mit dem plötzlichen Verlust gerungen haben – und wohl auch noch damit ringen. „Wir haben ein Stück weit damit gelebt und werden auch damit leben müssen“, sagt Lathens Samtgemeinde­bürgermeister Helmut Wilkens (CDU). Ein offizielles Gedenken werde es in diesem Jahr nicht geben.

Viele Emsländer waren stolz auf die Hightech-Testanlage, die auch viele technikbegeisterte Touristen in die Region brachte. Der Landkreis Emsland bot jahrelang nicht nur die Möglichkeit, in Papenburg einen Blick auf die riesigen Kreuzfahrtschiffe der Meyer Werft zu werfen, sondern auch auf der rund 32 Kilometer langen Teststrecke mit Tempo 450 eine Rundfahrt zwischen Lathen und Dörpen zu machen.

Das Unglück im September 2006 war zwar nicht das Aus für den Testbetrieb. Der lief noch bis Dezember 2011, um noch eine neue Zuggeneration zu erproben. Aber nach der Katastrophe waren die Touristenfahrten nicht mehr möglich. Der Nimbus des angeblich sichersten Verkehrs­systems war in Deutschland angekratzt. Nichts war mehr wie vorher.

Dabei lag das Unglück nicht an der Technik. Das Landgericht Osnabrück hatte 2008 zwei frühere Betriebsleiter wegen Organisationsfehler zu hohen Geldstrafen verurteilt. Die beiden Mitarbeiter des Leitstandes, die versehentlich die Fahrstrecke für den Magnetzug freigegeben hatten, bekamen später noch Haftstrafen auf Bewährung und eine Geldstrafe. Das Unglück sei eine Verkettung von organisatorischen und menschlichen Versäumnissen gewesen, so das Landgericht.

Die Transrapid-Technik galt vielen als vielversprechend, durchgesetzt hat sie sich bislang in Deutschland nicht. In Shanghai wurde eine kommerzielle Strecke gebaut, trotz vieler Anläufe – zwischen Hamburg und Berlin, im Rhein-Ruhrgebiet, zum Münchner Flughafen – kam es dazu hierzulande nicht. 2011 wurde der Testbetrieb in Lathen eingestellt, das letzte Testfahrzeug an die Nachfahren des Transrapid-Erfinders Hermann Kemper verkauft. Es steht nun wenige Kilometer von Lathen entfernt, in Nortrup im nördlichen Landkreis Osnabrück, auf einem privaten Firmengelände.

Inzwischen sind die Besucherhügel an der Strecke, wo Radtouristen einen Blick auf die vorbeirauschenden Hochgeschwindigkeitszüge werfen konnten, zugewuchert. Ein altes Transrapid-Fahrzeug steht seit Jahren vor dem Besucherzentrum, der Lack ist ab, die Scheiben sind stumpf. „Der gammelt vor sich hin, das ist ja traurig“, sagt Wilkens. Beim Blick durch den Zaun wirkt das Betriebsgelände mit alten Zugsegmenten und ungenutzten Betriebsfahrzeugen wie ein Geisterort, auch wenn seit Jahren hier zur Elektromobilität geforscht wird.

Lathen fühle sich der Technik noch sehr verbunden, betont der Verwaltungschef. „Die Transrapid-Technik hat hier ein großes, breites Standing gehabt.“ Die Versuchsanlage sei für die Region eine große Errungenschaft gewesen. „Es wäre gut, wenn es in irgendeiner Form weiterginge.“

Von einem Transrapid-Museum ist in Lathen nicht mehr die Rede, stattdessen solle ein Förderverein gegründet werden. Viele Menschen dort fühlten sich der Magnet-Schwebetechnik verbunden und würden gerne mitarbeiten. Im alten Besucherzentrum solle die Technik erklärt werden.

Während viele noch vor fünf Jahren an den Abbruch der Strecke dachten, stehen nun die Zeichen gut, dass es doch noch eine weitere Nutzung der Teststrecke gibt. Der Chef der Teststreckenbetreiberin Initis GmbH, Ralf Effenberger, berichtet gleich von drei möglichen Projekten: Eine französische Firma wolle mit europäischen Partnern dort einen Hochgeschwindig­keitszug testen – das könnte nochmals eine Nachnutzung von 15 Jahren bringen.

Die Testanlage wäre aber auch eine Option für die Erprobung des Hyperloop, einer Nachfolgetechnologie des Transrapid. Darin fährt der Magnetzug in einer geschlossenen Röhre. Der fehlende Luftwiderstand reduziere im Vergleich zu allen anderen Verkehrsmitteln den Energieaufwand enorm, erklären Walter Neu und Thomas Schüning von der Hochschule Emden/Leer. Zur Forschung zu dem Thema hat sich ein europäischer Verbund zusammen­gefunden, Lathen biete sich mit der Teststrecke als dessen Zentrum geradezu an, betonen beide.

Schließlich hat auch ein chinesischer Bahnkonzern Interesse bekundet, die Teststrecke zur Erprobung ihres neu entwickelten Magnetzuges zu nutzen. Weltweit sei die Testanlage in Lathen einmalig, und offensichtlich nicht so einfach woanders nachzubauen, sagt Effenberger. „Klar ist natürlich, wer die Anlage nutzen will, muss auch dafür zahlen, das kann man nicht dem deutschen Steuerzahler aufbürden.“ Aber noch nie sei die Chance auf eine neue Nutzung der Testanlage so realistisch gewesen wie jetzt. „Die Anlage jetzt abzureißen, das wäre ein Jammer“, sagt Effenberger.


Quelle: EVN / dpa