Bahn feiert Weltpremiere: Erste digitale S-Bahn gestartet

Die Deutsche Bahn und Siemens haben den weltweit ersten Zug entwickelt, der im Eisenbahnverkehr von allein fährt | Foto: DB AG / Miguel Ferraz

Öffentlicher Nahverkehr gilt als wichtiger Baustein im Kampf gegen den Klimawandel. Doch damit der Umstieg vom Auto auf die Bahn attraktiver wird, muss noch viel geschehen – einen Anfang macht die erste digitale S-Bahn.

  Aktualisiert | 11. Oktober 2021, 17.18 Uhr  

HAMBURG | Mit einer Weltpremiere auf der Schiene hat in Hamburg ein internationaler Mobilitätskongress begonnen: Erstmals haben Deutsche Bahn und Siemens eine S-Bahn digital gesteuert vollautomatisch fahren lassen. Bahnchef Richard Lutz kündigte an, die Technologie werde schrittweise auf das gesamte S-Bahn-Netz der Hansestadt und später auch auf andere Netze in Deutschland ausgedehnt. Nach Worten von Siemens-Chef Roland Busch handelt es sich um eine „Blaupause für die Digitalisierung der Schiene in Deutschland, Europa und der ganzen Welt“. Autonome Bahnen gebe es zwar schon länger. Neu sei das offene System, das mit jeder Bahn kompatibel sei, die die technischen Standards beherrsche.

Auf dem Weltkongress für intelligente Transportsysteme (ITS) will Hamburg eine Woche Schaufenster für die Zukunft der Mobilität sein. „Sie erleben auf dem ITS-Kongress eine Stadt, die sich den Herausforderungen der Zukunft stellt und die Mobilitätswende aktiv voranbringt“, sagte Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) zur Eröffnung der Schau. „Dazu gehören autonomes Fahren im Echtbetrieb, intelligente Verkehrssteuerung auf Straßen und Schienen sowie digitale Dienste, die unsere Mobilität einfacher, effizienter und klimafreundlicher machen.“ Hamburg sei „ein Reallabor“ für die Zukunft der Mobilität, sagte der Chef des Veranstalters Ertico, Angelos Amditis. 400 Aussteller sind präsent; erwartet werden bis Freitag rund 13.000 Besucher in den Hamburger Messehallen, vor allem Experten für Verkehr, Logistik und Digitalisierung.

Hamburgs Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) betonte die Bedeutung des Kongresses für die Stadt weit über seine Dauer hinaus. Von Projekten, wie der digitalen S-Bahn sollten die Menschen dauerhaft profitieren. Die S-Bahn der Linie S21 pendelt auf einer eigens dafür ausgerüsteten Strecke zwischen den Stationen Berliner Tor und Bergedorf/Aumühle. Anfahren, Beschleunigen, Bremsen und Halten erledigen die speziell für den automatischen Betrieb umgebauten Züge von selbst. Ab Dezember fahren die dafür umgebauten vier S-Bahn-Züge im fahrplanmäßigen Einsatz.

Das Projekt Digitale S-Bahn Hamburg wird mit etwa 60 Millionen Euro zu gleichen Teilen von Hamburg, der Deutschen Bahn und Siemens finanziert. Es ist Teil des Vorhabens Digitale Schiene Deutschland, mit dem die Bahn ihre Infrastruktur bis zum kommenden Jahrzehnt generell ins digitale Zeitalter bringen will. Das sei dringend nötig, sagte Busch, denn es gebe an vielen Stellen bei der Bahn „noch steinalte Technologie“.

Bahnchef Lutz bezeichnete die Digitalisierung auf der Schiene als „Schlüssel für die Mobilitätswende“. Im Kampf gegen den Klimawandel müssen nach einhelliger Einschätzung von Experten noch deutlich mehr Menschen vom Auto auf die Schiene umsteigen. Allerdings sind Ausbauten des bestehenden Netzes wegen langer Planungsphasen und Platzmangels vor allem in Ballungsräumen oft schwierig.

Mit der Digitalisierung der Schiene können Bahnen in deutlich engerem Takt fahren, so dass nach Angaben von Lutz eine bis zu 30 Prozent höhere Kapazität ohne zusätzliche Gleise auf bestehenden Strecken möglich wäre. Siemens-Chef Busch ergänzte, dass zudem bis zu 30 Prozent Energie gespart werden könnten und die Pünktlichkeit verbessert werde. „Die digitale S-Bahn ist eine Weltneuheit“, sagte Busch. „Die neue Technologie ist bereits zugelassen, und weil sie offene Schnittstellen hat, können sie alle Betreiber weltweit sofort für alle Zugtypen nutzen.“

Siemens sieht sich aktuell als einziger Anbieter dieses Systems, wie Busch der Deutschen Presse-Agentur sagte. Es gebe neben der Bahn bereits weitere Interessenten, die sich die Technologie anschauen wollten. Deutschlandweit könnte bis in die 30er Jahre ein Großteil der Züge und Strecken im Nah- und Fernverkehr so aufgerüstet werden. Dafür sind nach Angaben von Busch Investitionen von zwei Milliarden Euro pro Jahr nötig.

Technische Basis für den digitalen Bahnbetrieb ist der künftige europäische Standard ATO (Automatic Train Operation, kombiniert mit dem europäischen Zugsicherungssystem ETCS (European Train Control System).


Quelle: EVN / dpa