Tag der Entscheidung für Abellio in NRW – Verschwindet der Bahnkonkurrent vom deutschen Markt?

Logo des Bahnunternehmens Abellio auf einem Zug | Foto: EVN

ESSEN | Im Regionalverkehr ist Abellio hinter DB Regio die zweitwichtigste Bahnfirma in NRW. Noch, muss man sagen. Denn es könnte sein, dass die Abellio Rail GmbH ihren Zugverkehr bald einstellen muss. Auch in anderen Bundesländern droht der Abellio-Gruppe schrittweise das Aus.

In der Krise des Bahnunternehmens Abellio entscheidet ein einflussreiches Gremium an diesem Montag über die Zukunft der Firma in Nordrhein-Westfalen. Der Verwaltungsrat des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR) kommt in Essen zusammen und berät, ob die Zusammenarbeit zum 1. Februar beendet wird. Dies hatte der Vorstand von Nordrhein-Westfalens größtem Verkehrsverbund in der vergangenen Woche vorgeschlagen. Sollte das Kontrollgremium der Empfehlung des Managements folgen, würden laufende Verträge mit Abellio Ende Januar auslaufen. Andere Bahnunternehmen sollen die Linien dann übernehmen.

So einen Marktaustritt gab es in dem vor etwa zwei Jahrzehnten liberalisierten Bahnmarkt in NRW noch nie. Abellio ist finanziell schwer angeschlagen. Die Firma durchläuft ein Schutz­schirm­verfahren, also eine Sanierung im Rahmen des Insolvenzrechts. Vor allem wegen Baustellen-Folgekosten und stark gestiegener Personalkosten steckt Abellio tief in den roten Zahlen.


Ihre Forderungen an die Nahverkehrsverbünde nach Kostenübernahmen und besseren Neuverträgen liefen ins Leere. Stattdessen wollen die Vorstände der Verkehrsverbünde in Notvergaben auf andere Firmen setzen und einen Schlussstrich ziehen unter die Zusammen­arbeit mit Abellio. Die Notvergaben würden deutlich teurer als bisher: Um höhere Kosten auszugleichen, legt die Landesregierung 380 Millionen Euro bereit.

Abellio erklärt sich bereit, den Betrieb auch im Rahmen von einvernehmlichen Notvergaben für zwei Jahre weiterzuführen. Dazu sei inzwischen gegenüber den Verkehrsverbünden eine entsprechende Preisindikation vorgelegt worden, wie das Unternehmen mitteilte.

Am Rande der Sitzung des Verwaltungsrats wollen Abellio-Beschäftigte um 14 Uhr eine Petition an das Gremium übergeben, in der sie die Rettung ihrer Firma fordern. Die Abellio Rail GmbH in NRW hat 1.080 Beschäftigte, Firmensitz ist Hagen. Circa jeder sechste Zugkilometer im Schienen-Personennahverkehr (SPNV) von NRW entfällt auf Abellio. Hierzu gehören unter anderem die Linien RE1 von Aachen nach Hamm, die RE 11 von Düsseldorf nach Kassel und die S2 von Dortmund nach Essen.


Die Abellio Gruppe, eine Tochter der niederländischen Staatsbahn (Nederlandse Spoorwegen), betreibt Zugverkehre auch in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Baden-Württemberg. Auch dort ist der Bahnkonkurrent in finanziellen Schwierigkeiten. Die stark defizitären Diesel-Verbin­dungen von Halle und Magdeburg in den Harz werden Ende 2023 an einen neuen Betreiber abgegeben. Bei der folgenden Neuausschreibung wird sich Abellio nicht mehr beteiligen, wie die Nahverkehrs­service Sachsen-Anhalt GmbH (Nasa) im September mitteilte. Damit würde das Unternehmen in Mitteldeutschland nur noch im Saale-Thüringen-Südharz-Netz unterwegs sein. Der Vertrag soll 2030 enden. Für Baden-Württemberg ist ein Verkauf des insolventen Bahnbetreibers an die landeseigene Südwestdeutsche Landes­verkehrs-GmbH (SWEG) geplant. Bundesweit sind rund 3.100 Mitarbeitende für die Unternehmensgruppe tätig. 


Quelle: EVN / dpa