Zugausfälle und Chaos nach Abellio-Aus befürchtet – Nachfolgefirmen bereit

Triebzug des Bahnbetreibers Abellio | Foto: Abellio

DÜSSELDORF | Die Nummer Zwei im NRW-Schienenverkehr ist in weniger als zwei Monaten weg vom Markt. Mehrere Unternehmen sollen die Linien übernehmen. Das dürfte keinesfalls reibungslos laufen – wie stark wird das „Ruckeln“ für Tausende Bahnreisende und Pendler?

An Fahrkartenautomaten des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr sind die Abellio-Logos schon abgekratzt und überklebt – noch gut sieben Wochen, dann scheidet der bisher zweitgrößte Schienen-Nahverkehrsanbieter in NRW mit wichtigen S-Bahn-Verbindungen und landesweit zentralen Linien wie dem RE 1 (Aachen-Hamm) und RE 11 (Düsseldorf-Kassel) aus.

Mehrere andere Unternehmen sollen zum 1. Februar die Linien und die 1.080 Beschäftigten des in Finanznot geratenen Unternehmens im Zuge von „Notvergaben“ übernehmen – mit neuen Verträgen, teils neuen Arbeitsorten und einem erheblichen Zeitdruck im Übergang. „Das wird nicht reibungslos laufen. Wir befürchten Zugausfälle“, sagt der NRW-Chef des Fahrgastverbandes Pro Bahn Andreas Schröder.

Pessimisten erwarten in der Umstellungsphase ein wochenlanges Chaos für Pendler und Bahnreisende mitten im Winter. Der SPD-Landtagsabgeordnete Carsten Löcker sprach vor kurzem im Landtag von einem drohenden „Super-GAU im Regionalbahnverkehr“.


Am Donnerstag (9. Dezember) entscheidet der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) als am stärksten betroffener Verbund, welche Bahnunternehmen in der Notvergabe welche Linie bekommen, bis zum 14. Dezember folgen die Gremien der beiden anderen Verbünde Nahverkehr Rheinland GmbH (NVR) und Nahverkehr Westfalen Lippe (NWL). Danach bleiben gerade noch sechs Wochen für die Umsetzung.

Beworben haben sich mehrere Unternehmen – darunter DB Regio für mehrere S-Bahn-Linien, wie eine Firmensprecherin bestätigte. In Branchenkreisen heißt es, dass National Express – ein Unternehmen des gleichnamigen börsennotierten Konzerns aus Großbritannien – gute Chancen für die großen NRW-Linien RE 1 und RE 11 hat. Außerdem sind weitere Bahn­unter­nehmen für Linien im Gespräch. Die Funke-Mediengruppe nannte unter anderem den französisch-deutschen Transdev-Konzern („NordwestBahn“) und den dänisch-deutschen Anbieter Vias.

Egal welcher Anbieter wo den Zuschlag bekommt, er wird bei der Umsetzung auf das Abellio-Personal angewiesen sei – denn Lokführer, Zugpersonal und Fachleute im Zugverkehrsbetrieb werden händeringend gesucht, über 1.000 Mitarbeiter können nicht mal eben ersetzt werden.

Allein DB Regio müsste, wenn das Unternehmen wie erhofft den Zuschlag für die S-Bahn-Netze Rhein-Ruhr und Ruhr-Sieg bekommen sollte, in kurzer Zeit 500 Beschäftigte – in der Regel ehemalige Abellio-Mitarbeiter – neu einstellen und schulen.

Die Bereitschaft zum Wechsel ist dabei keine Selbstverständlichkeit, sondern unter den Abellio-Mitarbeitern durchaus unterschiedlich stark ausgeprägt, sagt Abellio-Betriebsratschef Jürgen Lapp – auch wenn die Verkehrsverbünde Ende November bereits weitreichende Zusagen für den Erhalt der Jobs nach der Überleitung mit allen Rechten einschließlich Rest­urlauben und Überstundenkonten gemacht haben.


Der Betriebsratschef will in jedem Fall einen Sozialplan mit Abellio verhandeln. Dafür, dass die Mitarbeiter den kriselnden Konzern oder gar die ganze Branche nicht verlassen und sich zu anderen Bahnunternehmen überleiten lassen, will Lapp eine „Halteprämie“ verhandeln. „Zwei Monatsgehälter pro Mitarbeiter wären nicht schlecht“, sagt er. Dem Vernehmen nach sollen die Verkehrsverbünde ein Monatsgehalt als Prämie schon zugesagt haben.

Bei all dem sei der Zeitdruck enorm, denn die Mitarbeiter müssten vier Wochen vor dem Beginn beim neuen Unternehmen ein schriftliches Übernahmeangebot bekommen – gegen das auch Widerspruch möglich sei, sagte Lapp.

Lokführer brauchen neben ihrer Fahrer­laubnis auch die erforderliche Streckenkenntnis und eine Zusatz­beschei­nigung für die jeweilige Fahrzeugbaureihe. Die Weihnachtsruhe dürfte bei den Nahverkehrsunternehmen in diesem Jahr ausfallen. „Das wird ordentlich ruckeln“, sagt der Betriebsratschef.

Jedenfalls sollen bis zum 31. Januar die Abellio-Züge möglichst pünktlich fahren, versichern der Arbeitnehmervertreter und der Firmensprecher des scheidenden Unternehmens, Alexander Schaub. „Wir gehen erhobenen Hauptes vom Platz, wir fahren bis zum letzten Tag so gut es geht“, sagt Schaub.

„Die Rahmenbedingungen sind inhaltlich und zeitlich sehr anspruchsvoll“, betont auch VRR-Chef Ronald Lünser. Aber die Verkehrsverbünde und die Eisenbahnunternehmen arbeiteten intensiv daran, den Fahrplan so weit wie möglich mit vollem Leistungsangebot aufrecht zu erhalten. „Unser Ziel ist es, die Einschränkungen für die Fahrgäste so gering wie möglich zu halten.“


Quelle: EVN / dpa