Fahrdienstleiter-Training mit Spielzeuglok – Modellbahn hilft bei echter Stellwerksarbeit

Blick auf die Trainingsanlage im Eisenbahnbetriebsfeld Darmstadt (Archiv) | Foto: EVN

DARMSTADT | Tausende Fahrdienstleiter organisieren täglich auf dem Schienennetz in Deutschland den möglichst reibungslosen Ablauf des Zugverkehrs. Um ihre Arbeit zu trainieren, müssen nicht immer tonnenschwere Fahrzeuge bewegt werden. Das geht in Darmstadt mit einer Spielzeugeisenbahn.

  Aktualisiert: 22. Dezember 2021, 12.31 Uhr  

Jede Menge Signale, Weichen, Gleise, Loks und Waggons stehen auf der rund 500 Quadrat­meter großen Modelleisenbahnanlage in Darmstadt. Wer auf den Reiz akribisch modellierter, detailreicher Landschaften mit Häusern, Tieren, kleinen Autos und Fabriken hofft, wird hier durch die Schlichtheit einer in mehreren Räumen meist nackten Holzplatte enttäuscht. Hier gibt es nur wenige Bahngebäude, eine Zugfähre und eine Handvoll Bäume – eben nur das, was man zum Trainieren und Lernen braucht. Auf dem Eisenbahnbetriebsfeld gehen Bahner ihrer Profession und nicht ihrem Spieltrieb nach. Hier wird voll digitalisiert die Sicherheit auf der Schiene und die Arbeit in Stellwerken geübt.

Auf Anlagen dieser Art wie beispielsweise in Darmstadt oder Berlin können Fahrdienstleiter und Lokführer der Deutschen Bahn im Maßstab 1:87 mit unterschiedlichen Stellwerks­techniken trainieren, ohne tonnenschwere Fahrzeuge zu bewegen. „Das ist eine gepimpte, hundsgewöhnliche Modellbahn“, sagt der Techniker des Eisenbahnbetriebsfelds, Holger Kötting. „Es ist ein Spielzeug, muss aber den professionellen Ansprüchen entsprechen.“

Trainiert werden kann an modernster Stellwerkstechnik, bei der über Monitore und Mausklick der Verkehr und die Streckensicherheit geregelt wird – bis hin zu mit Muskelkraft betriebenen Zughebeln. Erst werden die Weichen gestellt, dann gibt ein Signal grünes Licht für die Weiter­fahrt, und der Spielzeugzug rollt wie in der Realität zeitverzögert langsam an. „Die ganze Anlage ist komplett digitalisiert. Sie funktioniert so, wie sie auch in echt funktioniert, mit einem mehrfachen Sicherheitssystem“, sagt Kötting.

Der Fahrdienstleiter – vollständig auch „Eisenbahner im Betriebsdienst Fachrichtung Fahrweg“ – disponiert den Verkehr auf der Schiene. „Der baut exklusiv die Privatstraße für jeden Zug“, erläutert der 48-jährige Software-Entwickler Kötting. Er stellt die Weichen in seinem Strecken­abschnitt so, dass es zu keinen Kollisionen kommen kann. Erst dann kann ein Signal die Weiterfahrt erlauben. „Wenn die Fahrstraße gesichert ist, kann nicht mehr eingegriffen werden“, sagt Kötting. Bei der modernsten Technik würden sich die Rechner gegenseitig kontrollieren.

So stellen nach Angaben der Bahn rund 13.000 Fahrdienstleiter in 2.600 Stellwerken in Deutschland die Weichen und Signale für mehr als 40.000 Züge täglich. „Die Bahn hat in diesem Jahr rund 5.000 Auszubildende eingestellt“, sagt der Referent für Personalmarketing bei der Personalgewinnung in der Region Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland, Florian Brech, über die deutschlandweiten Azubi-Zahlen. 760 davon wollten Fahrdienstleiter werden. Wer in den Job einsteigen will, braucht einen Schulabschluss. Es folgen einen Onlinetest, ein Bewerbungs­gespräch sowie eine betriebsärztliche und psychologische Untersuchung. Wer am Schluss besteht, hat Brech zufolge eine Übernahmegarantie.

Mittlerweile können sich auch Quereinsteiger mit abgeschlossener Ausbildung zum Fahr­dienst­leiter fortbilden lassen. Im Erfolgsfall werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dann an ihren Stellwerksplätzen örtlich eingewiesen. „Die werden aber nicht direkt am Frankfurter Hauptbahnhof eingesetzt“, sagt Brech.

Der reibungslose Ablauf des Schienenverkehrs kann in Darmstadt im Spielzeugformat an allen noch gängigen Stellwerkstechniken trainiert werden – Rangieren, auf Gleise gestürzte Bäume, Ersatz für erkrankte Lokführer. Mit der gemeinsam von der Bahn, der Technischen Universität Darmstadt und dem Akademischen Arbeitskreis Schienenverkehr betriebenen Anlage wird auch wissenschaftlich gearbeitet. So nutzt die TU im Institut für Bahnsysteme und Bahntechnik die Anlage, um neue Betriebsverfahren zu erproben oder im Bereich der Eisenbahn­sicherungs­technik. „Ziel ist, Innovationen zu entwickeln und kritisch zu prüfen, die Kapazität der bestehenden Infrastruktur und die Robustheit des Bahnbetriebs gegenüber Störungen zu erhöhen“, heißt es vom Institut.

Eine erste Anlage mit Stellwerkstechnik wurde bereits 1914 in Darmstadt aufgebaut. 1936 kam eine Modellbahn dazu. 2006 wurde das jetzige Eisenbahnbetriebsfeld eröffnet. Auf der über die Jahrzehnte immer wieder erweiterten Anlage wurden rund 1000 Meter Spielzeugschienen verbaut, und sie simuliert heute ein echtes Streckennetz von mehr als 100 Kilometern. Maximal 20 Züge fahren gleichzeitig. Für Interessierte gebe es auch Tage der offenen Tür, um sich die karge Bahnanlage anzusehen, sagt Software-Entwickler Kötting. „Kinder fanden es interessant, wie das funktioniert. Die Erwachsenen waren eher enttäuscht.“


Quelle: EVN / dpa