Eisenbahnverein macht historische Dampflok wieder fit – Bald soll sie wieder fahren

Die preußische T3 „Schunter“ (Archiv) | Foto: Arbeitsgemeinschaft Historische Eisenbahn

SIBBESSE | Eine alte Dampflok wieder flott zu machen, ist eine schwierige Aufgabe. Daran arbeitet ein Verein im Hildesheimer Land. Eine Mammutaufgabe, die es in sich hat.

Am rätselhaftesten ist erst einmal der Name der historischen Dampflok. Sie heißt „Schunter“. Das ist aber kein völlig unverständliches Eisenbahner-Deutsch, sondern der Name eines Flusses, an dem die Strecke entlang führte, die die Lok der früheren Braunschweigischen Landeseisenbahn einst befuhr, erklärt der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Historische Eisenbahn in Sibbesse im Landkreis Hildesheim, Harald Strube. Denn die Lokomo­tiven wurden früher nach Bächen und Flüssen an den Strecken benannt.

Und wo ist das Prachtstück? Es hilft, sich an die Schienen zu halten, wenn man eine Lok sucht: Da steht sie, halb im Lokschuppen, die 1901 von der Hannoverschen Traditionsfirma Hanomag gebaute Dampflok der preußischen Bauart T3 – noch ohne Führerhaus, nur das Fahrgestell mit Schornstein und unverkleidetem Kessel. Aber sie soll wieder fahren – eine der ältesten betriebs­bereiten Normalspurlokomotiven in ganz Deutschland, wie der 47-Jährige betont. Das komme hin, sagt Rainer Mertens: Der stellvertretende Direktor des DB-Museums mit den drei Standorten in Nürnberg, Koblenz und Halle erklärt, die meisten betriebsbereiten Dampfloks stammten aus den 1930er bis 1950er Jahren.

Der Verein arbeitet die über 30 Tonnen schwere und etwa 250 PS starke Tender­lokomotive auf. Vor allem der Kessel war nicht mehr in bestem Zustand, die Wand­stärken reichten für den notwendigen Druck und einen sicheren Betrieb nicht mehr überall aus. Jetzt ist der reparierte Kessel zurück. Per Kran wird er auf das Fahrgestell gesetzt – und erstmals erprobt.

Und das steht jetzt bevor: Die sogenannte Kaltdruckprobe mit einem Druck von 16 bar hat das Museumsstück problemlos bestanden, keine Lecks zu sehen. Ernst wird es mit der sogenannten Warmdruckprobe bei 12 bar, dazu muss das Wasser im Kessel über Stunden aufgeheizt werden – immer unter Aufsicht des Technischen Überwachungsvereins (TÜV). Und der große Moment rückt näher: Allein der Anblick der Rauchfahne, die aus dem Schornstein aufsteigt, ist schon reine Nostalgie. Und erst die kurze Ausfahrt auf dem Gelände des Museumsbahnhofs der Almetalbahn: Da werden auch Erwachsene wieder zum Kind.

Dabei trauten sich vor allem die ganz Kleinen an das fauchende, rauchende Ungetüm oft nicht heran, erzählt Strube. Erst etwas größere Kinder wollten das Feuer sehen: „Es ist immer wieder faszinierend, wenn Kinder langsam anfangen zu verstehen, was da läuft und wie sich die Kraft entfaltet.“ Denn das könne man noch deutlich spüren.

Unterdessen steigt der Druck im reparierten Kessel. Aus einem Liter Wasser werden über 1.000 Liter Dampf – und die Nervosität der Männer, die an der Lok arbeiten, steigt ebenfalls. Die einzige Frau in der Runde bleibt vergleichsweise entspannt: Martina Mader. Die 38-Jährige ist Sachverständige für Dampf und Druck beim TÜV Nord: „Ich bin eine der letzten bei uns, die das öfter hat“, sagt sie. Bei der Warmdruckprobe sucht sie Lecks, schaut sich die Sicherheits­ventile an – das sei eine „Lebensversicherung des Lokführers“. Zu der alten „Schunter“ hat sie eine besondere Beziehung. Es sei die erste Lok, zu der sie vor Jahren ein Kollege mitgenommen habe.

Lokführer Jannik Wagner hält während des Anheizens eine lange Zange bereit, um im Notfall die brennenden Scheite herauszuholen. Der 32-Jährige erzählt, er sei seit seinem 13. Lebens­jahr dabei, sei fasziniert von der Dampftechnik. Strube meint: „Wer keine Angst hat, sich dreckig zu machen und zu lernen, der kriegt das hin.“ Für Wagner ist so speziell an der etwa 120 Jahre alten Lok, dass sie auch mit 140 noch fahren werde. Und: „Keine Computer, keine Updates, keine Kurzlebigkeit. Die Lok lebt.“

Dabei haben viele Eisenbahner der Dampflok bei ihrer endgültigen Fahrt aufs Abstellgleis vor Jahrzehnten nicht nachgetrauert – die Arbeit war hart. 1977 war endgültig Schluss für die Dampfloks bei der damaligen Bundesbahn. Heute werden die alten Maschinen bestaunt. Mertens sieht in Dampfloks „Euphorie-Maschinen“, sie seien anders als moderne elektrische Triebwagenzüge mit allen Sinnen erfahrbar – eine Dampflok „dampft und pufft und raucht“. Auch eine gewisse Nostalgie spiele eine Rolle, meint Mertens – die aber sehe er kritisch: Denn verherrlicht werde eine unglaubliche Umweltverschmutzung.

Gleichzeitig sorge eine Dampflok immer für gute Laune, die „gemütliche Technik“ verstehe jeder. Allerdings sei es „superteuer und superaufwendig“, die Maschinen flott zu halten – und im dichten Zugverkehr auf dem regulären Netz gebe es für Dampfloks kaum noch Möglich­keiten, sagt Mertens. Europäische Vorschriften verlangten auf dem regulären Netz auch in alten Loks zudem moderne Sicherheitseinrichtungen.

Für die alte „Schunter“ bedeutet das, zunächst nur auf ihrer derzeit rund 800 Meter langen Strecke, den Resten der einstigen Almetalbahn, wieder emsig zu fauchen und zu fahren – möglichst mit Besuchern. Geplant ist das im Frühjahr 2022 – aber Sommer könne es werden, schätzt Strube. Denn die Warmdruckprobe ist etwas durchwachsen verlaufen: Einige Stiftschrauben in der Kesselwand und zwei Niete, die Kesselwand und Bodenring verbinden, seien nicht richtig dicht. Das sei „nicht so dramatisch“, müsse aber von einer Fachwerkstatt nachgearbeitet werden. Das sollte binnen eines Tages am Standort der Lok machbar sein.

Schlimmstenfalls muss der Kessel aber wieder herunter und per Tieflader in die Werkstatt transportiert werden. Dabei liegen die Kosten für die Restaurierung der alten Dampflok schon bei fast 120.000 Euro.


Quelle: EVN / dpa